So langsam kommt schon ein wenig Bayreuth-Stimmung auf. Zwar liegt die Frankfurter Oper keineswegs im idyllischen Grünen, sie steht am Rande des Bankenviertels. Hochhäuser kann man hier beim Überragen und Protzen beobachten, wenn man während der Opernpause ins Freie tritt. Die Euro-Skulptur von Ottmar Hörl glimmt dann über dem Willy-Brandt-Platz in den Sommerabend, zu ihren Füßen hocken rauchende Fahrradkuriere und knutschende Pärchen, dazwischen auch immer wieder Obdachlose. Eine – zugegeben – skurrile Festspielstimmung ist das, wenn sich das Frankfurter Ring-Publikum in den Pausen hier versammelt. Das stört aber, mit der staubigen Salzbrezel in der einen und dem Glasfläschchen Sprudelwasser in der anderen Hand, kaum jemanden. Zufrieden schlürft, kaut und plaudert man ein wenig, lästert, lächelt, nickt. Beim Zusehen wird schnell klar: Hier erlebt eine zu großen Teilen eingeschworene Gemeinschaft die Wiederaufführung des 2012 vollendeten Frankfurter Rings. Doch das Spektakel rechnet sich. Am vergangenen Freitag bespielte Siegfried – wie auch schon das Rheingold und die Walküre – ein ausverkauftes Haus.

Vincent Wolfsteiner (Siegfried) © Barbara Aumüller | Oper Frankfurt
Vincent Wolfsteiner (Siegfried)
© Barbara Aumüller | Oper Frankfurt

Neben Publikumsinteresse trägt in Frankfurt außerdem das Bühnenbild, Jens Kilians schräge Scheibe, als optische Klammer durch alle vier Ring-Abende. Sie besteht aus konzentrischen Stahlringen, die sich zusammen, aber auch einzeln bewegen können. Durch Drehen, Kippen und Auffächern der Ringe enstehen damit auch im Siegfried eindrückliche Vorder- und Untergründe, Abgründe und Oberflächen. So schmieden Zwerg Mime und Findelkind Siegfried im ersten Akt unten das magische Schwert Notung, während Siegfried im letzten Akt dann oben Brünnhilde aus dem Feuerkranz befreit.

Lange Zeit bleibt die Bühne im Siegfried jedoch enttäuschend unverändert. In diesem (mit Pausen) fünfstündigen Gewaltwerk, das dramaturgisch die ohnehin undankbarste Oper des gesamten Zyklus darstellt, optisch so wenig passieren zu lassen, steht der Inszenierung von Vera Nemirova schlecht. Zwar bleibt ihre Absicht, durch Reduktion des szenischen Zierrats eine Konzentration auf die Figuren zu erzielen, erkennbar, leider jedoch unausgereift. So blicken wir in Mimes dunkle, von Neonröhren schwach erleuchtete Schmiedehütte, in der ein Amboss freilich nicht fehlen darf, hier auch nicht fehlt, aber doch eher mickrig ausfällt, ebenso das Hämmerchen, mit dem Mime und Siegfried am Schwert herumwerkeln.

Die Um-den-Kopf-Wette zwischen Wanderer-Wotan und Mime bringt dramatische Spannung auf die Szene: James Rutherford avancierte als stimmgewaltiger Wotan dabei schnell zum Publikumsliebling, der am Ende mit besonderem Applaus bedacht werden sollte. Von sattem Timbre und reichem Vibrato gekennzeichnet stand ihm die Rolle ausgezeichnet, er wusste ihr den passenden epischen Atem zu verleihen. Auch wenn sich Peter Marsh als Mime Rutherford gegenüber als weniger voluminös erwies, überzeugte er neben ihm durch klare Artikulation und jugendliche Flexibilität.

Vincent Wolfsteiner (Siegfried) © Barbara Aumüller | Oper Frankfurt
Vincent Wolfsteiner (Siegfried)
© Barbara Aumüller | Oper Frankfurt
Obwohl sich Vincent Wolfsteiners Siegfried mit ungemein kräftig gesungenen, markanten Schmiedeliedern stimmlich an diese intensive Auseinandersetzung anschloss, blieb von der nachfolgenden Schmiedeszene ein ambivalenter Eindruck. Seltsam ungelenk wirkte Wolfsteiners Schmiedetanz mit den kümmerlichen Requisiten. Nichtsdestotrotz beeindruckten durchweg die Leichtigkeit, mit der er die Kraft-Partie meisterte, sowie seine ansonsten ausgezeichnete Bühnenpräsenz. Mit ihr setzte Wolfsteiner die Siegfried-Figur stimmlich gekonnt um als ungestüm-unbedarften Junghelden, der nie ins Pathetische verflachen zu drohte, sondern stets die tragische Brechung bereits anzudeuten vermochte.

Spannungsvolle Höhepunkte im zweiten Akt sind der Disput zwischen Wotan und Alberich sowie die heftige Auseinandersetzung zwischen Alberich (eindringlich: Jochen Schmeckenbecher) und Mime um die Beute, die Siegfried aus der Höhle herbeischleppt. Während in vielen Inszenierungen bereits das Waldvögelein an dieser Stelle als graziöse Tänzerin erschienen ist, schwirrte und sprang bei Nemirova ein kokett androgyner Alan Battes mit Federaccessoires durch die Szenen. Katharina Ruckgaber sang ihm dabei zwar wunderbar agile Soprantöne zu, konnte jedoch auch nicht verhindern, dass man des charmanten Zappelvögeleins – nach einer ersten Dankbarkeit über die optische Abwechslung –  überdrüssig wurde.

Peter Marsh (Mime), Per Bach Nissen (Fafner) und Vincent Wolfsteiner (Siegfried) © Barbara Aumüller | Oper Frankfurt
Peter Marsh (Mime), Per Bach Nissen (Fafner) und Vincent Wolfsteiner (Siegfried)
© Barbara Aumüller | Oper Frankfurt
Der dritte Akt schloss in seinem unentschiedenen Nachgeschmack an die ersten beiden an: Auf lustvoll feine psychologisch-gestische Ausarbeitungen der Sängern folgen immer wieder zermürbend schematische Ausführungen. So überzeugte Meredith Awady als Erda in aufwändig verwachsenem Fellkostüm mit einigen abgrundtiefen Tönen. Auch verloren weder Wotan Rutherford noch Siegfried Wolfsteiner zum Ende hin an Eindringlichkeit. Sowohl die Begegnung der beiden als auch das Finale Siegfried–Brünnhild orientierten sich jedoch etwas zu einfallslos an bewährten Vorbildern. Viel Bodenhaltung, Krümmung, Niederstürzen, jähes Umarmen und heftiges Zurückstoßen prägen den Liebeskampf. Abermals störte hier im Gesamtbild, trotz unermüdlichem Wolfsteiner und bemerkenswerter Rebecca Teem, die Diskrepanz zwischen großformatigem Gesang und gestisch-mimischer Kleinteiligkeit. Denn stimmlich überzeugte hier sowohl Wolfsteiner, dessen Kraft abermals unermüdlich schint, als auch Rebecca Teem. Ihr gelangen zarteste Töne ebenso wie gewaltvolle Ausbrüche und so changierte ihre Brünnhilde reizvoll zwischen mädchenhafter Scham und leidenschaftlicher Hingabe.

Eindrucksvoll spielte über alldem ein klangbewusstes Museumsorchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Sebastian Weigle auf. Mut zum volltönenden Musizieren kennzeichnete seine Interpretation, auch wenn wenige Stellen zu eintönig gerieten. Am Ende des Abends: Euphorie für diese wenig überraschende Inszenierung. Aber das ist ja bei Wagner nicht ganz unüblich, denn bei Wagner geht’s eben auch immer um diesen Funken Bayreuth, auch in Frankfurt.

***11