Sechs symphonische Dichtungen mit märchenhafter Klangstruktur, knapp eineinhalb Stunden Musik und im Zentrum wirkte der Dirigentenzauberer Kirill Petrenko, der beim ersten Akademiekonzert der aktuellen Saison der Bayerischen Staatsoper mit Má vlast das symphonische Hauptwerk Bedřich Smetanas aufs Programm setzte.

Kirill Petrenko © Wilfried Hösl
Kirill Petrenko
© Wilfried Hösl

„Drei Mal Petrenko zum Saisonbeginn” wirbt die Bayerische Staatsoper auf ihrer Webseite für die Programme Salome, Die tote Stadt sowie des ersten Akademiekonzert und ein wenig klingt das Ganze wie ein kleiner Fingerzeig nach Berlin, wo Petrenko vor einigen Wochen sein neues Amt als Chefdirigent der Philharmoniker angetreten hat. In München hat man allerdings in der letzten Saison noch einiges mit dem scheidenden Generalmusikdirektor vor und mit dem Vaterlands-Zyklus von Smetana bewies Petrenko ein weiteres Mal, wie schmerzlich man ihn in München vermissen wird. Denn der Russe gestaltete die Impressionen und Sagengeschichten aus Smetanas Heimat als endlos fließenden Klangrausch und arbeitete gleichzeitig auf unendlich subtile Weise die Feinheiten der Partitur heraus. Selbst ein Repertoireklassiker wie die Moldau, die an zweiter Stelle des symphonischen Zyklus steht, wirkte durch Petrenkos frische Herangehensweise wie ein vollkommen neues, unbekanntes Werk. Mit betörender Erzählkraft verwob sich der sprudelnde Klang der Flöten mit dem dunklen, ernsten Choral der Blechbläseer, den Petrenko nur mit minimaler Gestik heraufbeschwörte. So betörend sogar, dass der ein oder andere Zuhörer bereits völlig zurecht zum Szenenapplaus ansetzte.

Aber auch die anderen weniger prominenten symphonischen Dichtungen des Zyklus bearbeitete Petrenko mit ebengleicher Ideenkraft und genoss geradezu die vielen Details, die die Partitur bereithält. Dabei waren es vor allem die Brüche in der Partitur, auf die Petrenko in seiner Interpretation besonderes Augenmerk legte. In einem großen dramatischen Bogen skizzierte der Russe den goldenen Aufstieg der Prager Burg Vyšehrad im Mittelalter mit prächtigem, sattem Sound, um sie gleich darauf umso vehementer mit rhythmischer Unerbittlichkeit in sich zusammensacken zu lassen. Auch an anderer Stelle entwickelte Petrenko die Musik als großes Versprechen und enttäuschte nicht. So gestaltete er selbst die sakralen Choralvariationen in Taribor, mit denen Smetana die Hussitenkrieger heldenhaft überhöht, dank schlankem und flexiblem Klang angenehm entstaubt und ohne Senitmentalität. Damit näherte der Russe sie an die bereits vorrausgegangene Landschaftsbeschreibung in der vierten symphonischen Dichtung Aus Böhmens Hain und Flur an, die mit schier endlosen elegischen Linien von der Schönheit der böhmischen Heimat Smetanas zeugt. Ähnliche Verbindungen findet man auch zwischen dem kriegerischen dritten und dem letzten Teil des Zyklus, Šárka und Blaník, die trotz trügerisch ruhigem Mittelteil bei Petrenko blitzschnell ihren Charakter wandeln konnten. Im Falle von Šárka zu einem atemlosen, drängenden Orchestersturm und im Falle von Blaník zu einer noblen, allesbeschließenden Siegeshymne einer stolzen Nation.

Bei aller Klangkraft blieb Petrenko allerdings nicht in einer effekthascherischen Aneinanderreihung von sechs Einzelwerken hängen, sondern gestaltete durch eine schlüssige Dramaturgie ein symphonisches Großgemälde voller Bildgewalt.

Dabei konnte sich Petrenko auf das Bayerische Staatsorchester verlassen, das sich in Topform und mit luxuriösem Klang präsentierte. Jede Sekunde des Programms wirkte detailliert ausgearbeitet und die Musiker arbeiteten selbst im Pianissimo unglaublich präzise zusammen. Dabei schienen sie ihrem Chefdirigenten auf sehr intuitive Weise zu folgen, der seinem Orchester mit einem Hochspannungsdirigat gleichzeitig alle Freiheiten zu geben schien.

Dass Petrenko die Mittel zur Verfügung stehen, aus scheinbar jedem Programm etwas ganz Besonderes zu machen, hat der Russe in München bereits häufiger unter Beweis gestellt. Ein solches Klangspektakel, wie es ihm hier mit dem Smetana-Zyklus gelang, machte einmal mehr deutlich, welchen Luxus die Münchner mit ihrem Generalmusikdirektor haben.

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