Bevor sich die Berliner Philharmonie in die Sommerpause begibt, gab das Deutsche Symphonie-Orchester unter Tugan Sokhievs und mit Baiba Skride als Solistin ein letztes Konzert. Eröffnet wurde der Abend mit einem ursprünglich als Finale komponierten Stück; denn Smetana hatte sein Vaterland mit Aus Böhmens Hain und Flur beschließen wollen. Wer nun eine idyllische Pastorale als Landschaftsbild erwartete, der lag falsch. Dieses Naturstück klang ruppig, ja bedrohlich. Die messerscharfen Tutti-Blöcke im Orchester gliederten das Werk nicht, sondern zerschnitten seine Zusammenhänge. Sokhiev glättete nichts. Auch die Polka hatte unter seiner Leitung nichts gemütlich Folkloristisches an sich. Einen rätselhaften Eindruck hinterließ auch die Fuge in den Streichern. Niemand weiß, warum Smetana in einem Naturbild höchster polyphoner Kunst den Raum gab. Der Wald wurde vom DSO nicht zur Parkanlage aufgehübscht, sondern blieb undurchdringlich und verstörte den Hörer ganz im Sinne des Komponisten.

Tugan Sokhiev © Patrice Nin
Tugan Sokhiev
© Patrice Nin

Es folgte Prokofjews Zweites Violinkonzert mit Baiba Skride als Solistin. Nach ihren Worten darf man sie nachts wecken, damit sie dieses „geniale Werk“, das sie „immer parat“ habe, spielt. Vor allem in den ersten beiden Sätzen betonte sie das Gesangliche ihres Part. Sie stellte sich zwar als Hauptperson vor, blieb aber, im Unterschied zu den „Teufelsgeiger“-Konzerten anderer Komponisten, immer Teil des Orchesters. Ihre Virtuosität ließ sie aus der Kantabilität entstehen und beleuchtete so das Lyrische im Kopfsatz von zwei Seiten her. So erklang das zweite Thema als Fortsetzung des ersten und so als seine Variante.

Der Höhepunkt ihrer Darbietung war der Anfang des zweiten Satzes. Dieses Serenaden-Thema ist für sie Prokofjews allerschönstes Thema. Das Orchester begleitete ihre Kantilene sorgsam mit hingetupften schlichten Dreiklangsbrechungen. Während seiner Zeit als Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin (zwischen 2012 und 2016) wandte sich Sokhiev häufig Prokofjew zu, auch weil ihm der sarkastische Unterton dieser Musik gefällt. Hoch anzurechnen war es ihm, dass er sich beim Dirigat dieses Satzes nicht verleiten ließ, diese Musik zu ironisieren, sondern ihn wie aus der Zeit fielen ließ.

Nach Prokofjew ist dieses Violinkonzert Spiegelbild seines Nomadenlebens. Und das haben Sokhiev und Skride ernst genommen. Ist das Thema am Anfang des dritten Satzes im spanischen Ton oder doch als verfremdeter russischer Walzer zu spielen? Unentschieden; denn das ist kosmopolitische Musik, gelungene Integration unterschiedlicher Kulturen in einem allerdings recht verschrobenen Tanz. Man merkte es Sokhiev an, dass er aufblühte, weil er den Satz über den Rhythmus gestalten konnte. Sorgfältig arbeitete er die zusammengesetzten Zeitmaße des Fünf- bzw. Sieben-Viertel-Takt heraus, die noch die osteuropäische Folklore in diesen Satz mischen. Auch kamen nun die grotesken Züge zum Klingen, die bislang noch nicht zu hören waren. Doch heizten die Musiker das Konzert nicht unnötig auf, sondern nahmen ihn so kammermusikalisch wie die beiden ersten Sätze dieses ursprünglich Konzertsonate genannten Werkes.

Mit einer Melodie für unbegleitete Geige wurde das Konzert eröffnet. Doch danach spielte das Soloinstrument erst wieder in der Zugabe für sich alleine. In Strawinskys Elegie, die 1944 für Bratsche komponiert wurde, tritt Baiba Skride ganz alleine auf. Während sie diesen kontemplativen Monolog spielte, herrscht vollkommene Stille im Saal.

Im Dezember 2009, schon vor seiner Amtszeit als Chefdirigent, hatte Sokhiev mit dem DSO Tschaikowskys Fünfte Symphonie aufgeführt. Mit diesem Werk ging dieses Konzert auch zu Ende. Tschaikowskys Fünfte gehört zu jenen Moll-Symphonien, in der im letzten Satz die Molltonart nach Dur aufgelichtet wird. Zu Beginn erklingt ein trauermarschartiges Thema, das den Hauptgedanken der gesamten Symphonie bildet. Sokhiev weiß es gekonnt in das Hauptthema umzuwandeln, sodass es als erste Variation des Mottos zu hören war. Sorgfältig verfolgte er diesen Faden. Zu Beginn des Finales ist er nach Dur gewendet und lenkt nach guter alter Tradition die Symphonie zum triumphalen Schluss. Sokhiev ließ in die letzten Takte des nicht enden wollenden, weil mehrfach aufgeschobenen Schluss-Triumphes, die nach Dur gewendete Variante des Kopfsatzthemas sich gegen den Rest im Orchester erheben. Hat das Subjekt sich nun gegen das Schicksal behauptet, wie Tschaikowsky selbst das Eingangsthema charakterisierte? Wir wissen es nicht – und diese Aufführung will das Rätsel auch nicht lösen, weil der Komponist selbst es nicht gelöst hat. Und solche Aufführungen sind die besten, die offen lassen, was vom Komponisten offen gelassen wurde.

Das Orchester, vor allem die Holzbläser, ließen es sich nicht nehmen, in farbigsten Tönen den Klangzauber auszukosten, der ihnen vor allem im zweiten Satz geschenkt wird. Wann dürfen Musiker sich sonst in derartig schönen Melodien ergehen? Der dritte Satz wird als Walzer-Ballett interpretiert. Erhellend, wie Sokhiev es gelang, die absteigende Tonleiter zu Beginn als Variante des Mottos zu intonieren, um aus dem als Genrestück verkannten Satz ein unverzichtbares Element der Gesamtdramaturgie zu schaffen.

****1