Eigentlich ist alles blöd an der aktuellen Situation. Positiv ist an der Pandemie nun wirklich nichts, da hilft es auch nicht, permanent darauf hinzuweisen, dass man in der Kultur ja ach so kreativ geworden ist, neue Lösungen zu finden. Als ob vorher gar keine innovativen neuen Wege ausprobiert worden wären. Vieles ist also aktuell anders und – hier wird es spannend – es zeigt sich, dass es ein Repertoire gibt, das tauglicher für die momentane Krise ist als anderes und auf das man in Prä-Corona-Zeiten vielleicht gerne etwas snobistisch herabgeblickt hat. Zu oberflächlich dekadent schien doch die Wiener Salonmusik mit ihren virtuosen Schaustücken wie zum Beispiel denen eines Fritz Kreislers.

Münchner Symphoniker © Marco Borggreve
Münchner Symphoniker
© Marco Borggreve

Im Probensaal der Münchner Symphoniker versammelten sich am Freitagabend knapp 30 Leute, quasi Salon-Atmosphäre also, und Konzertmeister Marian Kraew widmete sich genau diesem Repertoire, angereichert mit weiteren Pieces, Dvořáks Humoreske zum Beispiel oder Elgars Salut d’amour. Mit Kraews kräftigem Bogenstrich klang das alles leicht dahin parliert, aber die Wiener Musik ist eben mehr und Kraew brachte diesen schizophrenen Zwiespalt zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt elegant auf den Punkt. Wenn, mit brillantem Ton begleitet von Susanna Klovsky am Klavier, die Geige ab und an seufzte und das Vibrato satt klang, dann hatte es viel von Wiener Kaffeehaus und es wurde klar, dass die feine Melancholie genau das Richtige für die aktuelle Situation ist.

Wenn die Kreisler’schen Charakterstücke als süffiger Sommerwein daherkamen, müssen Bruchs Acht Stücke, Op.83 als schwerer Rotwein gelten – dazu noch im Holzfass gereift. Das liegt zum einen am ernsten Komponisten Bruch, zum anderen an der Besetzung aus Klarinette, Bratsche und Klavier, sehr dunkel also. Nicola Hartwig (Klarinette), Katharina Schmid (Viola) und Carlota Amada (Klavier) eröffneten den Abend mit vier der acht kurzen Stücke und musizierten die Werke mit bedächtigem Ernst, besonders Hartwigs kantable Linien taten dem Werk gut.

Kaum weniger bedeutungsschwer war der Abschluss des Konzertes mit Bohuslav Martinůs Nonett Nr. 2. Ein Werk, das der Tscheche bereits todkrank in den USA fern der Heimat komponierte. Die Erkenntnis, dass Martinů in gar nicht allzu großem Gegensatz zum leichteren Mittelteil des Konzerts stand, mag zuerst vielleicht überraschen. Bedenkt man aber, dass auch das Nonett wie so viele von Martinůs Werken von Anklängen tschechischer Volksmusik geprägt ist, überrascht es weniger. Die neun Symphoniker interpretierten das farbenreiche Nonett dementsprechend sehr differenziert und spannungsreich. Stark kontrastierten die Musiker das bunte, tänzerische Poco Allegro mit dem statisch-dichten Andante, das grüblerisch nur um sich selbst zu kreisen schien.

In der kommenden Woche spielen die Symphoniker ihre Sommermusik das letzte Mal. Es ist das Ende einer sonderbaren Saison. Möchte man auch hier nach dem Positiven suchen, kann man feststellen, dass die Symphoniker ein neues Format gefunden haben, das auch im kommenden Jahr sicherlich gut ankommen wird.

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