Erklangen in der Alten Oper beim ersten Mendelssohn-Konzert der Woche seine meistgespielten Orchesterwerke mit Marc Minkowskis Les Musiciens du Louvre Grenoble auf authentischem Instrumentarium der Zeit, folgten heute die stets etwas vernachlässigte Erste Symphonie sowie der Sommenachtstraum in Bühnenfassung durch das London Symphony Orchestra unter Sir John Eliot Gardiner – auf herkömmlichen Instrumenten, aber gottlob auf nicht herkömmliche Weise. Dazu formierten sich nun die Damen des Monteverdi Choir und Bruno Ganz in der Rolle des Erzählers.

Elior Gardiner & LSO © Tibor Pluto | Alte Oper Frankfurt
Elior Gardiner & LSO
© Tibor Pluto | Alte Oper Frankfurt

Im ersten Teil überzeugte das London Symphony Orchestra unter Sir John Eliot Gardiner auf ganzer Linie. Die grundsätzlich stürmisch-drängende, jugendlich-klassische Erste Symphonie hatte Zug und Power im Übermaß. Tänzelndes Holz, für Gardiner eher untypisch zurückhaltend-weiches Blech, dafür die donnernde Pauke und energische, stehende Streicher (außer den Celli und Bässen natürlich) wirbelten durch dieses Frühwerk Mendelssohns. Gardiner dirigierte dabei jede dynamische Nuance, so dass Klang, Farbe und Motive nicht nur transparent sondern auch lebendig moduliert wurden. Bei diesem Elan, den schnellen Tempi (besonders im Finale) oder den vibratolosen Passagen im langsamen zweiten Satz gingen weder das Menuetthafte, das Atmende noch das Liebliche verloren. Im Gegenteil: durch bestechende Phrasierung und Betonung, antiphone Aufstellung von mustergültiger Balance, Präzision und Frische kam das Werk und Mendelssohns kraftvolle, wogende wie feine Tonsprache noch besser zur Geltung; Zwischenapplaus nach dem Kopfsatz waren gebührendes Zeugnis.

Gefundener Anlass für die jetzige Aufführung ist die feierliche Erinnerung an Shakespeares 400. Todestag, der auch in Deutschland (teil-)feuilletonistische Aufmerksamkeit erlangt. Die Shakespeare-Vorlage zu A Midsummer Night's Dream ist wie geschaffen für die musikromantische Verwertung des zeitlichen Geschmacks, beschreibt die Komödie doch einen märchenhaften Wald, in dem Elfen und Sagenwesen mit absurden Absichten leben, die zu noch verworrenen Gestaltwandlungen in der aberwitzigen Geschichte führen. Sie beschreibt ein königlich-streitendes Paar sowie eine bevorstehende Heirat im antiken Griechenland, zu der noch Ovids Pyramus und Thisbe als Theaterstück nächtlich von Handwerkern einstudiert werden soll.

Diese Bühnenhandlung erzählte Bruno Ganz, etwas schüchtern und zurückhaltend gegenüber John Eliot Gardiner, dann in Aktion aber wie gewohnt energisch und in der Zauberwelt des Waldes versunken. Mit sonorer, harter, spitzer und rollender Stimme, Mimik- und Gestenspiel verlieh er den wechselnden Charakteren fesselnde Präsenz. So verwandelte er sich beispielsweise in gerissener Art mit höherer, kindlich-verspielter Tonlage, geduckter Haltung und wahnsinnigem Ausdruck in einen Kobold; ernst, strikt, scharf und in tiefer Vokalität gab er die Rolle des Oberon, leidenschaftlich, verzweifelt die Suche der Hermia nach ihrem Geliebten sowie erschöpft den Schlaf der Liebespaare, ehe mit Inbrunst und lautstarker Majestas den Feierlichkeiten Raum gegeben wurde.

Eliot Gardiner, Bruno Ganz & LSO © Tibor Pluto | Alte Oper Frankfurt
Eliot Gardiner, Bruno Ganz & LSO
© Tibor Pluto | Alte Oper Frankfurt

Spürbar den Puck im Nacken hatte auch John Eliot Gardiner, der das Wahnsinnig-Träumerische wie Flüchtige so vorbeirauschen ließ, dass auch die Echtzeit wie im Flug verging. In der zauberhaften, romantischen Ouvertüre zeichnete der Brite die Situationen und Atmosphäre mit der ihm bekannten Art von zupackender Feurigkeit und Transparenz nach, die Mendelssohn schon in seinen „schottischen“ Werken so mustergültig einfing. Derbe-funkelndes Blech, vor allem aufschreiende und stimmungsvolle Hörner, von höfischem Pomp befallene Trompeten, typischerweise fast beethovenianisch-hart gepfefferte Pauken, die magischen Holzbläser, allen voran die Flöte, und hohe, komödiantische, umherflirrende, ja eselsjaulende Streicher ließen die Handlung und wirre Welt daher so überdeutlich und abwechslungsreich erscheinen. Mit dem folgenden Scherzo gab der Dirigent schon vor eineinhalb Jahren einen Vorgeschmack auf diese rasante, luftige und kokette, dennoch straffe, dramatische Interpretation, als ich den Satz als Zugabe auf der letzten Tour des Zyklus' des LSO hörte. Damals wie heute stand Soloflötist Gareth Davies im Mittelpunkt, dessen Motivauftakt und gesamtes Spiel, nun mit deutlich progressiverer Vibratoreduktion oder dessen Verzicht, als stilistisches Mittel im Sinne der Gardiner'schen Herangehensweise schön herauszuhören war.

In den weiteren unterschiedlichen Bühnenmusiken wie den Melodramen, dem Intermezzo und Notturno sowie dem Finale reihten sich wahlweise Timothy Jones' aufgewecktes oder formidabel schwebend-galantes Horn sowie vibratolose, scharf-vitale und sinnierend-grundierende Streicher ein. Lediglich der Hochzeitsmarsch geriet trotz der geballten, unkitschigen Festlichkeit aufgrund des eher traditionellen Tempos und einem einmaligen Anfall von orchestraler Schwerfälligkeit etwas altbacken.

Der an diesem Abend aus 12 Damen bestehende Monteverdi Choir, rechts vom Orchester neben dem Sprecher aufgestellt, ergänzte passend den vorgesehenen Elfenreigen mit kleineren, schlanken Stimmen, die durchaus ein wenig forscher und präsenter hätten sein können. Aus ihren Reihen absolvierten Jessica Cale, Charlotte Ashley, Rebecca Hardwick und Sarah Denbee die solistischen Auftritte, wobei alle zart, in tonlich höchster Reinheit vortrugen und letztere mit größter stimmlich-textlicher Überzeugungskraft auftrat. Neben diesen Geschmacksfragen resultierten die kleineren rhythmischen Wermutstropfen vermutlich aus der recht kurzen Probenzeit für dieses volle Aufmerksamkeit erfordernde Repertoire. Auf Englisch beschloss Ganz den Sommernachtstraum mit „Good night, ladies, good night!“ und empfing den Dank aus mehr als „gewogenen Händen“.