Der krankheitsbedingte Ausfall des montenegrinischen Gitarristen Milos Karadaglic nur 24 Stunden vor dem Konzert in der Saaner Kirche kann die neue Festivalleitung der Sommets musicaux von Gstaad nicht erschüttern: Renaud Capuçon schickt seine junge Schülerin Alexandra Conunova ins Feld, um mit der Camerata Bern unter der Leitung von Antje Weithaas Abhilfe zu schaffen. Eine ausgezeichnete Wahl, die für einen spannungsvollen Abend sorgt.

Camerata Bern © Camerata Bern
Camerata Bern
© Camerata Bern

Beethovens Coriolan-Ouvertüre hört man selten so intensiv: Die Violinbögen stehen wirklich unter maximaler Spannung, und die Streicher sind auch körperlich so gebannt, als würden sie mit entblößtem Schwerte gleich auf das gegnerische Heer losstürmen – ein grandioser Auftakt des Abends. Man muss der Leistung der jungen Alexandra Conunova und der Camerata Bern wirklich Achtung zollen: Innerhalb eines knappen Tages das Vierte Violinkonzert in D-Dur (KV 218) von Mozart auf diese Weise vorbereiten zu können! Aber natürlich spielen die Solistin und das Ensemble nicht zum ersten Mal zusammen; komplizenhaft entwickeln Antje Weithaas und die in Moldawien geborene Conunova das Relief des Allegro; das Augenzwinkern der Geigerin zu ihren Mitstreitern spricht für die Frische und Fröhlichkeit, unter deren Zeichen diese Interpretation steht.

Die sichere Solistin zeigt ein sehr virtuoses Spiel, dessen größter Trumpf neben der auch ihr eigenen Energie der wunderbare Ton ihrer von der Deutschen Stiftung Musikleben zur Verfügung gestellte Santo-Seraphin-Geige von 1735 ist. Die Camerata Bern leitet wiegend das Andante cantabile ein, das lyrische Spiel der Alexandra Conunova ist leicht wie ein Kolibri, der sich auch in der Kadenz, gleich in welcher Richtung und in welchem Tempo, mühelos bewegt. Das unmittelbar angeschlossene Rondeau ist charmant in seiner Artikulation, allerdings mag hier die Koketterie ein wenig auf Kosten der Präzision gehen.

Die Art und Weise, wie sich die Camerata Bern auf die Solistin einzustellen vermag, ist beeindruckend. Diese dankt den Mitspielern, indem sie ihren Blumenstrauß gleich an Antje Weithaas weiterreicht, bevor sie sich an ihre Zugabe (Bach) macht. Das Spiel ist faszinierend, ebenso der Gesichtsausdruck der Geigerin: Wenn sie so konzentriert ihr Instrument fixiert, scheint es fast, als würde das sehr jung und manchmal puppenhaft wirkende Gesicht einen Schmollmund zeigen. Doch den braucht Alexandra Conunova bei dem ihr geltenden Applaus nun wirklich nicht.

Alexandra Conunova © www.conunova.com
Alexandra Conunova
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Die Camerata Bern beschließt den Abend mit Beethovens Achter Symphonie in F-Dur (Op.93). Das stark von den Holzbläsern geprägte Allegro vivace con brio vermittelt weiterhin die der stets im Stehen spielenden Camerata eigene Spielfreude: Die schwungvollen Oktaven ähneln Katzen, die auf der untersten und obersten Treppenstufe aufmüpfig herumtollen. Theatralisch wird diese Einleitung durch die von Antje Weithaas gesetzten Impulse, die an Cello und Fagott weitergegeben werden. Das Allegretto scherzando ist ein hinter vorgehaltener Hand geführter, spottender Dialog im Mezzopiano, während man den dritten Satz auch Echosymphonie nennen könnte. Hier sind Cello und Horn leider in ihrer Synchronisation nicht ganz optimal aufeinander eingestellt und die Oboe hat leichte Schwierigkeiten, ganz mit der Klangfarbe der Streicher zu verschmelzen.

Das Relief und die Phrasierung sind jedoch ausgezeichnet, und die Interpretation des Allegro vivace bringt den Humor dieses Satzes sehr gut zum Ausdruck. Auch hier sind die Körper der Instrumentalisten gespannt wie Flitzebögen, man hat fast den Eindruck, dass sie sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen die Musik stemmen, um diese hervorzubringen. Unter der hervorragenden Führung von Antje Weithaas bringt die Camerata Bern heute die Kirche von Saanen zum intensivsten Schwingen, wobei neben der Einheit des Ganzen auch einzelne Solisten heraustreten, besonders die Soloflöte, deren Einsatz bei der Zugabe für besonderen Beifall sorgt.

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