Die Dresdner Staatskapelle, einer der renommiertesten Klangkörper der Welt, darf auf eine lange Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte zurückblicken. Ihre Tradition geht zurück bis ins Jahr 1548, als Moritz von Sachsen sein Siegel unter eine „Cantorei Ordnung“ setzte. Heute gilt dieses Schriftstück als Gründungsdokument der Dresdner Hofkapelle, dem Vorläufer der Staatskapelle. Zahlreiche, zu ihrer Zeit weltweit bekannte Kapellmeister trugen zur vielfältigen Wirkungsgeschichte der Staatskapelle bei, so auch Johann Adolf Hasse. Seine von Publikum und Kurfürst hervorragend aufgenommene Oper Cleofide war sein überzeugendes Debüt auf dem Wege zum festen Engagement am Dresdner Hof. Drei Jahrzehnte sollte er hier wirken.

Sächsische Staatskapelle Dresden (hier unter Christian Thielemann) © Matthias Creutziger
Sächsische Staatskapelle Dresden (hier unter Christian Thielemann)
© Matthias Creutziger

Als ich Hasse und Vivaldi auf dem Programm las, war ich zunächst skeptisch – wie würden Musiker, die das ganze Jahr überwiegend romantische Komponisten wie Mahler, Wagner und Strauss auf dem Pult stehen haben, mit Werken des Barock überzeugen? Doch ihre Anpassungsfähigkeit und eine ausgezeichnete künstlerische Leitung legten den Grundstein, denn Dirigent Alessandro de Marchi hatte sich während seiner musikalischen Laufbahn unter anderem auf Werke des Barock spezialisiert. Vor zehn Jahren leitete er bereits die Produktion der Cleofide an der Semperoper, war dem Eingangswerk und den Musikern also bestens vertraut.

Filigran führte er die Musiker auch am Dienstagabend durch die vier Sätze der Ouvertüre und wusste mit seinem guten Gespür für Dynamik und Klangfarben die Kontraste in Charakter und Form hervorzubringen. Überraschend frisch und spritzig gelang den Musikern der Einstieg ins launige Allegro assai. Im zweiten Satz schlug die Stimmung jedoch abrupt um: In einem melancholischen, aber dennoch nicht behäbigen Lamento erklang das Andante, ganz im Kontrast zum ersten Satz. Der tänzerische dritte Satz verleitete so manchen Zuhörer dazu, mit dem Kopf mitzuwippen, bevor das lebhafte Presto als Abschlusssatz erklang. Mit de Marchis energiegeladener Leitung hatten die Musiker der Staatskapelle eine ausgezeichnete Unterstützung in Bezug auf Interpretation und Ausdruck, welches das Werk zu einer aufregenden Achterbahnfahrt an vielfältigen Klängen und Emotionen machte.

György Kurtág © Judit Kurtág | Universal Music Publishing Editio Musica Budapest
György Kurtág
© Judit Kurtág | Universal Music Publishing Editio Musica Budapest
Weiter ging es mit zwei Werken eines namhaften Komponisten, der für die Saison 2015/16 als Capell-Compositeur an die Sächsische Staatsoper berufen werden konnte: György Kurtág. An diesem Abend durfte man der Uraufführung von …a Százévesnek… („an einen Hundertjährigen“) beiwohnen. Die 2002 komponierte Miniatur ist eine Hommage an Kurtágs Landsmann Jenö Takács, in der trotz der kurzen Dauer des Werks eine überraschend vielfältige Palette an kontrastierenden Klangfarben und melodischen Elementen zu hören ist. In der folgenden Sinfonia breve per archi wurde der Hörer ansatzweise an die Klangsprache Strawinskys erinnert. Hier arbeitet Kurtág mit ähnlichen Kompositionstechniken: Kurze melodische Abschnitte, meist nur angedeutet, führt er durch die Stimmen und lässt sie abwechselnd gegeneinander und miteinander erklingen. Er kreiert differenzierte Klangflächen, die sich manchmal aus einem rhythmisch-akkuraten Gefüge herausarbeiteten, mal aber auch als schüchternes Flimmern alleine im Raum standen.

Hasse war jedoch nicht der einzige Komponist, der die Sächsische Hofkapelle mit seinen Kompositionen ehrte: Antonio Vivaldis Konzert in g-Moll „Per l’Orchestra di Dresda“ war, wie der Name bereits vorwegnimmt, eigens für die Künstler der Musikmetropole geschaffen. Hier fiel erstmals auf, dass besonders die Sologeiger noch etwas mit der barocken Artikulation zu kämpfen hatten: Manche Solostellen verloren durch ein mir zu ausladendes Vibrato und eine etwas zu weiche Bogenführung ihren barocken Gestus. Der italienische Barock überzeugt mich immer mit seiner Leichtigkeit, seiner Freiheit und seinen extremen und verrückten Tempo- und Charakterwechseln – letzteres war in Ansätzen der Fall, jedoch hätte ich mir an jenem Abend seitens der einzelnen Solisten mehr von dieser Ungezwungenheit und Lockerheit gewünscht. Hier wurde mir bewusst, dass die vielen Konzerte mit Wagner und Co. doch deutliche Spuren hinterlassen haben könnten.

Als abschließender Programmpunkt erklang ein kurzes, sechssätziges Divertimento von Adolf Busch, dem jüngeren Bruder des ehemaligen Generalmusikdirektors der Staatskapelle Fritz Busch. Das Werk entführte in eine Klangwelt, die etwas an Hindemith und an Filmmusik der 20er Jahre erinnerte. Das stark polyphone Werk schwebte immer am Rande der Atonalität und überraschte durchweg mit einer Fülle an verschiedenen Stilelementen und Charakteren, die sich in kürzester Zeit miteinander abwechselten. Mal erklang die Klarinette melodiös-melancholisch im Solo, mal ertönte ein tänzerisch anmutender Walzer, mal wurden Elemente aus früheren Sätzen wieder aufgegriffen. Im Finale trat der warme Klang des Fagotts noch einmal solistisch hervor, bevor das Werk leise und unauffällig sein Ende fand.

Insgesamt konnte das Publikum ein bloß einstündiges, aber doch sehr abwechslungsreiches Konzert mit Werken aus unterschiedlichen Stadien der Entwicklungsgeschichte der Staatskapelle erleben. Die Qualität der Musik war erwartungsgemäß sehr hoch, und zu den tendenziell kurzen Stücken passte das intime Ambiente der Schlosskapelle – ein perfektes Konzert für einen kühlen Herbstabend.