Bunt, quirlig, italienisch, so lässt sich die neue Sonnambula-Inszenierung am Salzburger Landestheater am besten beschreiben. Regisseurin Agnessa Nefjodov verwandelt das Haus dabei für einen Abend in ein kleines italienisches Dorf, in dem das große Drama bis ins kleinste Detail gelebt wird.

Lavinia Bini (Amina) und Pavel Kolgatin (Elvino) © Anna-Maria Löffelberger | Salzburger Landestheater
Lavinia Bini (Amina) und Pavel Kolgatin (Elvino)
© Anna-Maria Löffelberger | Salzburger Landestheater
„Villagio“ – zu Deutsch: kleines Dorf – prangt in großen Leuchtbuchstaben über der Bühne. Dieser große, starre Schriftzug scheint aber das einzige zu sein, das an diesem Abend still hielt. Kaum waren die ersten Töne der Ouvertüre erklungen, ging das große Gewusel auch schon los. Wir befinden uns in einem italienischen Dorf, wie es im Buche steht, ein paar Jahrzehnte vor unserer Zeit. Agnessa Nefjodov überließ an diesem Abend nichts dem Zufall und spannte bis zum letzten Chormitglied jeden mit ein, in eine Choreographie aus Slapstick-Momenten und bitterem Ernst.

Der Chor des Salzburger Landestheater zeigte sich an diesem Abend von seiner allerbesten Seite. Neben der sehr hohen Präzision in Einsätzen und dynamischer Gestaltung (Choreinstudierung: Stefan Müller), brillierte er vor allem darstellerisch. Vom modischen Anzugträger bis zum Poloshirt mit aufgestelltem Kragen war hier jeder italienische Stereotyp vertreten. Der Chor sorgte dabei immer wieder für kleine, nette Akzente, ohne dabei gesanglich abzuschweifen; herrlich der Moment, in dem die Dorfbewohner zum Zimmer des Grafen schleichen und sich gegenseitig in Richtung Tür schieben, während jeder Schritt von einem Pizzicato der Streicher vertont wird.

Gleichermaßen starke gesangliche Leistungen zeigten die Protagonisten. Lavinia Bini gab eine scheue und zweiflerische Amina, und ihr weiches, sehr helles Timbre unterstrich diese Züge der Figur optimal. Dass sie aber auch anders kann, bewies sie etwas später, als die aufgebrachten Dorfbewohner sie im Zimmer des Grafen Rodolfo finden (dass sie schlafwandelt, ist zu diesem Zeitpunkt ja noch unbekannt): Ohne große Anstrengung legte sie sich mit starken Höhen über den Klangteppich aus aufgebrachtem Chor und Orchester. Am schönsten waren jedoch die Rezitative, denn hier zeigte sie in kleinen Verzierungen und einem warmen Vibrato die Wandelbarkeit ihrer Stimme.

Lavinia Bini (Amina) und Alexey Birkus (Rodolfo) © Anna-Maria Löffelberger | Salzburger Landestheater
Lavinia Bini (Amina) und Alexey Birkus (Rodolfo)
© Anna-Maria Löffelberger | Salzburger Landestheater
Höchstleistung brachte auch ihr Partner Pavel Kolgatin (Elvino). Er nahm das Publikum ab der ersten Minute mit seinem warmen und unglaublich klaren Timbre ein. Für sein junges Alter besitzt Kolgatin eine sehr präsente und facettenreiche Stimme, und es sind besonders die Piano-Stellen, in denen der Tenor seine Vielfalt an Klangfarben einsetzte. Völlig ohne Druck sang er die mit kleinen Verzierungen gespickten Läufe und zeigte dadurch sehr authentisch die verletzlichen Seiten des Elvino. Eben so wenig scheinen ihn die Spitzentöne anzustrengen, von denen jeder einzelne perfekt saß, und bei denen sein sanftes, nicht zu überspitztes Vibrato einen wünschen ließ, es möge Notenwerte von unendlicher Zeitdauer geben.

Hannah Bradbury musste sich als Lisa zwar ihrer Freundin Amina hinten anstellen, gesanglich stand sie ihr allerdings in nichts nach, und ihre stimmliche Gestaltung spiegelte ihre Charakterdarstellung: Herrlich trotzig und fast hysterisch warf sie in den Höhen mit Trillern um sich. Der Auslöser für diesen Ausbruch war die Ankunft des Grafen Rodolfo. Alexey Birkus gab dem begehrten Junggesellen eine sehr menschliche Seite und zeigt diese gerne mit einem breiten, warmen Vibrato. Und so gelingt es ihm letztlich auch, Amina vor der Ungnade des Volkes und ihres Bräutigams zu bewahren. Ende gut, alles gut – außer für Ugur Okay als Alessio, der alleine blieb, stimmlich jedoch ebenso überzeugend war.

Hannah Bradbury (Lisa), Lavinia Bini (Amina) & Ensemble © Anna-Maria Löffelberger | Salzburger Landestheater
Hannah Bradbury (Lisa), Lavinia Bini (Amina) & Ensemble
© Anna-Maria Löffelberger | Salzburger Landestheater
Die Fäden in der Hand hatte letztlich Lorenzo Coladonato mit seinem durch und durch italienischen Dirigat. Zwar war die Sicht in den Orchestergraben erschwert, seine Hände aber sah man aber trotzdem ständig, und wie er seine Sänger quasi wortwörtlich an der Hand nahm und sie durch die Arien leitete. Außerdem gelang ihm etwas, dass leider nicht immer eine Selbstverständlichkeit ist: ein akustisch ausgeglichener Klang; Coladonato aber formte ein ausbalanciertes Verhältnis zwischen den Instrumenten des Mozarteum Orchesters. Großes Lob geht dabei an die Blechbläser, die an diesem Abend ihre dynamische Dominanz sehr zügelten und die Sänger ruhig aber bestimmt durch die Arien trugen. Trotz allem gelang es dem Dirigenten, den quirligen, italienischen Charakter von Bellinis Musik zu erhalten, da darf auch mal ein reißerischer Moment der Streicher dabei sein.

Die neue Sonnambula ist geglückt, und es zeigt sich einmal wieder, dass auch ein kleines Haus große Bühnenmomente kreieren kann. Neben der Lust am Opernbesuch macht diese Inszenierung aber vor allem eines: Fernweh nach Italien.