Was am Abschlussabend des diesjährigen Holland Festivals zwischen 19.45 und 21.10 Uhr im großen Saal des Amsterdamer Concertgebouws passierte, kann man mit Fug und Recht als einen sehr gelungenen großartigen Konzertabend bezeichnen. Arthur und Lucas Jussen spielten Mantra vom deutschen Kompnisten Karlheinz Stockhausen und ließen das Publikum vergessen, dass es sich bei Stockhausen um einen im Allgemeinen schwer zugänglichen Komponisten handelt. Sicherlich half aber auch das besondere Festival-Ambiente, sich dem Stück unvoreingenommen zu nähern.

Lucas und Arthur Jussen © Janiek Dam
Lucas und Arthur Jussen
© Janiek Dam

Die Bestuhlung war aus dem Großen Saal im Amsterdamer Concertgebouw herausgenommen worden. An ihrer Stelle gab es Teppiche und bunte Sitzkissen, auf denen man es sich während der beinah 80 Minuten dauernden Aufführung mehr als bequem machen konnte. Ein anderer, der Erschließung dieses Werkes sehr hilfreicher Service des Festivals bestand aus erklärenden Texten in der sogenannten Wolfgang-App. Während des Konzertes konnte man hier Interpretationshilfen und Werkkommentare auf dem dezent abgedunkelten Schirm seines Handys lesen. Jeweils zum richtigen Zeitpunkt erhielt man für die 13 Teile von Mantra erklärende Zeilen, wann immer der Zuhörer danach verlangte. Der Schirm blieb auch ab und zu dunkel, wie um den übereifrigen Leser erfahren zu lassen, dass es sich bei Mantra keineswegs um technische Programmmusik handelt, sondern um sehr emotionale Musik, bei der das Genießen des Gehörten die Hauptsache bleiben kann.

Die Gebrüder Jussen gaben ein berauschendes Konzert, für das sie sich ein halbes Jahr Vorbereitungszeit genommen hatten und selbst zu Stockhausens ehemaligem Wohnort Kürten (in der Nähe von Köln) gereist waren. Sie ließen dabei nicht nur ihr sagenhaft virtuoses Können hören, wie zum Beispiel im vorletzten Teil, in der alle bis zu diesem Zeitpunkt gespielten Noten in schnellen Läufen miteinander verbunden nochmals gespielt werden. Sie ließen auch ein besonderes schauspielerisches Talent sehen: Mitten im Stück gibt es eine Phrase, die von beiden Pianisten abwechselnd sehr oft wiederholt wird, ab und zu mit minimalen Veränderungen. Diese auskomponierten „Fehler“ wurden vom jeweils zuhörenden Pianisten mit ausführlicher sprechender Gestik und Mimik kommentiert und vom Publikum sehr geschätzt.

Eine andere große Herausforderung von Mantra besteht darin, dass beide Pianisten nicht nur einen Ringmodulator bedienen müssen, um damit die Frequenzen der Klaviertöne gemäß der Partitur zu verändern, sondern während des Klavierspiels auch auf Schlaginstrumenten (Holzblöcke und Crotales) spielen müssen. Arthur und Lucas Jussen hatten beide bei einigen schnellen Passagen keine andere Wahl, als die Schlagzeugstöcke nach Gebrauch bis zum nächsten Einsatz mit dem Mund festzuhalten, um das Spiel im richtigen Tempo fortsetzen zu können.

In drei jeweils 60-minütige Vorlesungen, die Stockhausen zu diesem Stück vor englischem Publikum in den siebziger Jahren gehalten hatte spricht er hier von Rhythmen, die Morsezeichen sein könnten, und erklärt die Entstehung der aus 13 Tönen bestehenden Basismelodie. 13 Töne, die wie ein Planet jeweils 12 Monde um sich versammeln und die alle einen eigenen Charakter haben. Durch die elektronische Verfremdung der Klavierklänge fühlt man sich oft entführt in außerirdische Sphären.

Beinahe überirdisch zu nennen ist der Genuss und die Freude mit der Stockhausen dank der genialen Interpretation der beiden jungen holländischen Klaviervirtuosen sein Publikum beschenkt.