Vier Jahre währte Lionel Bringuiers Amtszeit an der Spitze des Tonhalle-Orchesters Zürich. Dies war sein letztes Konzert als Chefdirigent. Bringuier hatte sich zu diesem Anlass Richard Strauss' Don Quixote ausgesucht, konnte so zusammen mit Solisten aus dem Orchester dessen klangliche Möglichkeiten nochmals ausschöpfen. Sodann gab es ein Wiedersehen mit Yuja Wang, die in Bringuiers erstem Konzert als Chefdirigent 2014 bereits Prokofjews Zweites Klavierkonzert aufgeführt hatte. Nun, zum Abschied, wählte sie das Dritte. Den Abschluss bildete Ravels La Valse aus dem französischen Repertoire, das der Dirigent wohl als seine Spezialität bezeichnen würde.

Lionel Bringuier © Simon Pauly
Lionel Bringuier
© Simon Pauly

Vor der Pause konnte man sich also an Don Quixotes wunderlichen Eskapaden ergötzen. Der Titelheld wurde dabei vom Solocellisten des Orchesters, Thomas Grossenbacher, verkörpert. Mit von der Partie war Michel Rouilly am ersten Bratschenpult, die Violinsoli spielte die Konzertmeisterin, Julia Becker. Die Solisten sind erfahrene Musiker, das Orchester war in Topform, es waren also ausgezeichnete Voraussetzungen. Die Großformation des Orchesters füllte die Bühne: Strauss verlangt ausdrücklich 62 Streicher, 27 Bläser, 2 Harfen und ein reiches Schlagwerk, bis hin zur Windmaschine. Bringuier ging die anfänglich ganz kammermusikalische Einleitung ruhig an, ließ sich Zeit mit dem Aufbau, gab den durchweg ausgezeichneten Bläsern Gelegenheit, ihre Soli wunderbar auszuformen, agogisch zu gestalten. Allerdings lädt sich die Musik am Ende der Einleitung zum Forte-Fortissimo auf – dieses klang in der Tonhalle Maag schon sehr laut, gelegentlich an der Grenze zu lärmig. Das war für den weiteren Verlauf der Komposition kein gutes Omen. In der Tat hatte der Cellist oft Mühe, sich gegen das Orchester durchzusetzen, musste schon in der ersten Variation sehr breit artikulieren, um überhaupt hörbar zu sein. Sein Spiel verlor an derartig dramatischen Stellen Leichtigkeit und Klarheit. Mit Mimik und Körpersprache gelang es Thomas Grossenbacher dennoch, sich etwas Aufmerksamkeit zu sichern. Interessanterweise hatte die Viola weit weniger Mühe, durchzudringen, was allerdings wohl Strauss' Disposition zu danken ist. Dessen Besetzungsvorschriften in Ehren, aber für diesen Saal hätte Bringuier bei lauten Stellen unbedingt das Orchester mehr zurückbinden sollen. Natürlich waren da auch lyrische, leisere Partien, wunderbar besinnliche, ruhige, gar melodienselige Momente, in denen das Cello nicht so forcieren musste. Michel Rouilly als Sancho Pansa verstand es ausgezeichnet, die karikierend-humorvollen und sprechenden Aspekte seiner Rolle auszuspielen, bis zur Andeutung eines Tanzes in der dritten Variation. Thomas Grossenbacher schien dagegen eher auf die tragisch-melancholischen, die gemütvollen, gelegentlich verzweifelten Charakterzüge der Titelfigur anzuspielen. Sehr berührend die luziden Momente am Schluss, und der Tod des Protagonisten. Abgesehen von der Lautstärke und seltenen Intonationstrübungen war die Leistung des Orchesters ausgezeichnet. Ich empfand den Ritt durch die Luft mit der Windmaschine mehr als Effekt denn Affekt, jedoch gelangen Bringuier auch Momente großer Intensität, etwa die breite Klimax in Variation III.

Yuja Wang © Norbert Kniat
Yuja Wang
© Norbert Kniat

Bei Prokofjew bestimmte Yuja Wang am Steinway-D den Charakter der Aufführung. Zwar schweigt das Klavier in der Andante-Einleitung, dennoch war schon diese ungewöhnlich flüssig, das Allegro so rasch, dass sich die hohen Streicher erst zusammenraufen mussten, bis die Koordination klappte. An den pianistisch-virtuosen Fähigkeiten der Pianistin gibt es nichts auszusetzen: überlegen meisterte sie den Solopart in halsbrecherischem Tempo, zog gelegentlich im Tempo noch an, schaffte spielerisch die vertracktesten Läufe, Figuren und Sprünge, griff für das Fortissimo der Staccato-Ketten beherzt und kräftig in die Tastatur – und behielt bei alledem ein entspanntes Lächeln im Gesicht. Ausgezeichnet, wie sie die versteckten Melodien in gebrochenen Figurenketten hervorholen konnte. Die lyrischen Stellen gestaltete sie sehr sorgfältig in Agogik, Artikulation und Anschlag. In den raschen Segmenten hingegen lag ihr Fokus auf Geschwindigkeit und Virtuosität. Hier erschien ihr Spiel sehr glatt, oberflächlich gut ausgearbeitet, allerdings verschwammen bei diesem Tempo für den Hörer Details in den Sechzehntelpassagen. Das orchestrale Thema und der Beginn der ersten Variation des zweiten Satzes waren sehr sorgsam ausgeformt; mit dem Eintritt des Forte zog Wang jedoch bereits an, war im Tempestoso so rasch, dass sie die Spitzennoten gerade noch erreichte: ganz fehlerfrei spielte sie nicht. Vielleicht war es nur der relative Eindruck, aber die vierte Variation schien betont langsam. Im Schlusssatz klang das Vibrato im Orchester beim Pochissimo meno mosso etwas gar übertrieben, und das Tempo im abschließenden Allegro schien vom Bestreben dominiert, alle Rekorde zu schlagen.

Als Abschluss folgte mit Ravels La Valse ein Stück, das harmlos beginnt, allmählich ins Überdrehte, Irrwitzige kippt, und zuletzt sinister-beängstigend endet. In Bringuiers Interpretation schien das „Kippen” schon bald (zu früh) nach Beginn einzusetzen. Effektvoll war die Interpretation auf jeden Fall, der Aspekt des Bizarren, Verschrobenen kam durchaus zur Geltung. Einzig die Wendung ins Beklemmende, ins Unheimlich-Bedrohliche schien am Schluss zu fehlen.