Mit Fug und Recht kann es als ein doppelter Geburtstag im musikalischen Sinne verstanden werden. Als sich das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter seinem langjährigen Chefdirigenten Mariss Jansons am vergangenen Sonnabend ein Stelldichein in der Hamburger Elbphilharmonie gaben, stand dies gleich zweimal unter dem Eindruck eines Jahrestages: Für Jansons war es der Vorabend seines 75. Geburtstags, und das neue Konzerthaus der Hansestadt hatte wenige Tage zuvor sein einjähriges Eröffnungsjubiläum gefeiert. Dem feierlichen Anlass ganz angemessen, war das gewählte Programm: Strauss' Sinfonischer Dichtung Also sprach Zarathustra in der ersten Hälfte folgte Prokofjews monumentale Symphonie Nr. 5 im zweiten Teil.

Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks © Daniel Dittus
Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
© Daniel Dittus

Im Programmheft zum Konzert nahezu etwas reißerisch als „übermenschliche Musik“ angekündigt, ließ sich die durch Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum berühmt gewordene Anfangsfanfare von Strauss' Zarathustra zunächst ein wenig stockend an. Beinahe schien es, als müssten sich die Trompeten erst an den Raum mit seiner vieldiskutierten Akustik gewöhnen und kurz ausloten, wie viel oder wenig Kraft für die gefürchteten Anfangstöne aufzuwenden waren und welches Tempo der Maestro eigentlich genau haben wollte. Anfängliche Schwierigkeiten, die glücklicherweise schnell der Vergangenheit angehörten, denn selbstredend zeigten Jansons und die Musiker des Orchesters alsbald, wie gut eingespielt man aufeinander nach mittlerweile fast 15 gemeinsamen Jahren ist. Doch nicht nur das, auch die musikalische Qualität des Orchesters, das sich zu den besten Deutschlands, wenn nicht gar der Welt zählen darf, zeigte sich mit Nachdruck. Die breit aufgestellte Bläsersektion brillierte mit Strahlkraft und großer Transparenz in den solistischen Einsätzen, während die Streichergruppen mit ihrem homogenen Klang zu bestechen wussten. Faszinierend zu erleben, wie Jansons an einer Stelle praktisch ganz auf das Dirigieren verzichtete, die Musik ungehindert fließen ließ und die Kontrabassgruppe wie aus einem Guss in Perfektion ihre so fein auskomponierte Linie völlig frei zelebrieren konnte. In der Summe sollten es gerade diese zurückgenommenen, ruhigen Passagen sein, die an diesem Abend den größten Eindruck hinterließen und streckenweise die Zeit regelrecht anzuhalten schienen. Im Gegenzug hätten dafür die gewaltigen Klangberge im Forte etwas mehr Durchschlagkraft vertragen können – die so bestechende Akustik des Großen Saals der Elbphilharmonie hätte dabei zweifelsohne problemlos mithalten können.

In der zweiten Hälfte ging es mit Sergej Prokofjews Symphonie Nr. 5 an einen abermals gewaltig besetzten Klassiker der Konzertliteratur. 1944 ganz unter dem Eindruck der gegen Nazi-Deutschland vorrückenden Roten Armee entstanden, bezeichnete der Komponist seine heute beliebteste Symphonie als ein Loblied „auf den freien, glücklichen Menschen“ und „auf seine gewaltige Kraft und seinen reinen, edlen Geist“. Tatsächlich sollte der Russe mit dieser Komposition ein herausragendes Zeugnis seines Könnens abliefern, das neben gesanglichen Melodien und zupackenden musikalischen Themen ganz besonders von einer herrlichen Instrumentierung geprägt ist. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks entfesselte denn auch in den lauten, bisweilen nahezu infernohaft anmutenden Abschnitten eine schier zügellose Kraft, die den Atem nahm und regelrecht soghaft in den Bann der Musik zog. Die Klangfülle im ersten Satz zeigte gleichzeitig eindrucksvoll, wie gut der Saal mit seiner immens durchsichtigen Akustik einem solch monumentalen Werk tut. Bestechend und gefühlt viel zu kurz gelang der zweite Satz mit seiner motorischen Dynamik und zuweilen kecken Geigeneinwürfen. Der langsame dritte Satz litt etwas unter einer Art sich breit machender Lethargie, die mit einem minimal zügiger gewählten Tempo hätte umgangen werden können. Einen ähnlichen Eindruck machte der Beginn des finalen Allegro giocoso. Allerdings setzten die fulminant-virtuosen letzten Takte dazu einen rasanten Kontrapunkt, der das Publikum begeistert zurückließ. Die Musiker ließen sich daher auch nicht lang bitten und gaben mit dem Panorama aus Tschaikowskys Ballett Dornröschen noch eine herrlich Zugabe, die den Abend passend abrundete.

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