Das Konzert des Berner Symphonieorchesters lief unter der Überschrift Eine Art «Best of». Das Programmheft ließ sich über den Titel nicht weiters aus. Ich nehme an, damit war der Solist gemeint, oder vielleicht die dargebotenen Kompositionen, die allesamt wichtige Werke der jeweiligen Gattung sind?

Mario Venzago © Alberto Venzago
Mario Venzago
© Alberto Venzago
Mario Venzago eröffnete das Programm mit Richard Strauss' bekannter Tondichtung Till Eulenspiegels lustige Streiche. Nur: entsprach die Interpretation der Intention des Komponisten? War sie gar ein „Best of? Der burleskenhafte Charakter des Werks impliziert für mich mehr als „lustig“ – da sollte doch auch die Leichtigkeit des Absurden irgendwie Platz finden. Schon das Anfangstempo war relativ behäbig, und leicht fand ich die Interpretation eigentlich kaum. Allgemein schien die Musik zu wenig strukturiert. Es fehlte an dynamischen Kontrasten, dem Mut zum Pianissimo, am Spiel mit Agogik und Rubato und seien es auch nur diese kleinen Ritenuti vor Höhepunkten. Tempowechsel waren oftmals eher träge, die Koordination dabei mäßig. Venzago verstand das Werk nicht als orchestrales Schaustück, konzentrierte sich auf die Gestaltung statt auf Virtuosität. Er hat wohl eher eine gemütvolle Sicht auf das Werk. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Strauss' Komposition sehr anspruchsvoll ist, speziell für die Bläser (Hörner, Klarinette, ebenso andere Bläser sind oft sehr exponiert, die sich alle wacker geschlagen haben). Auch das Violinsolo ist speziell in extrem hohen Lagen schwierig zu intonieren. Insgesamt war es eine vielleicht etwas schwergewichtige, aber dennoch unterhaltsame Interpretation, und einiges ist wirklich gut gelungen, so der mit „leichtfertig“ überschriebene, rasche Galopp.

Steven Isserlis © Kevin Davis
Steven Isserlis
© Kevin Davis
Das Herzstück des Programms bot dann ein wirkliches „Best of“, in der Form des Solisten Steven Isserlis im Cellokonzert in a-Moll von Schumann. Hier richtete sich die Aufmerksamkeit naturgemäß auf das Solo – und das zog schon im fünften Takt mit seinem intensiv singenden, dabei weich artikulierten Ton alles in seinen Bann. Das Orchester wurde über weite Strecken auf die Rolle des Begleiters verwiesen. Die Impulse gingen meist vom Cellisten aus, der allenfalls den Kontakt mit dem Konzertmeister suchte. Er hörte durchaus auf das Orchester, konnte sich aber heftiger Kopfbewegungen nicht enthalten, wenn er der Musik zusätzlichen Impuls verleihen wollte. In Sachen Subtilität konnte das Orchester dem Solisten kaum das Wasser reichen. Der langsame Satz ist von überirdischer Schönheit – ein Fenster in eine andere Welt. Leider war hier die Begleitung oft etwas zu laut, manchmal fast grob, ließ Feinheiten vermissen. Vielleicht hätten hier weniger Streicher spielen sollen.

Was dem Orchester im letzten Satz an Subtilität abging, machte der Solist mit seinem tänzerischen, schwungvollen Spiel (mit sehr wenig Vibrato) wieder wett. In den bewegten Passagen ließ sich der Cellist dabei durchaus zu heftigen, impulsiven Ausbrüchen hinreißen. Er gestaltete aber die kurze Kadenz zu einem Ruhepol, von dem aus die Musik im Orchester wieder Schwung aufnahm und zuletzt vielleicht gar zu sehr getrieben in den Schluss stürmte. Isserlis bedankte sich beim Publikum mit der Soloversion von Pablo Casals' El cant dels ocells. Der Kontrast vom vorangehenden stürmischen Schluss zu diesem wunderbar stillen, meditativen Gesang hätte größer nicht sein können!

Mario Venzago ging Brahms' Symphonie Nr. 1 relativ zügig an, ohne übertriebenen Pomp. Er baute eine latente Unruhe, Spannung auf bis zum Fortissimo – danach aber, vor dem Eintreten des Allegro, entspannte sich die Atmosphäre wieder. Im raschen Teil kamen die Streicher des Orchesters gut zur Geltung. Sicher sind sie nicht so homogen wie bei Spitzenorchestern, aber an der Koordination konnte man kaum etwas aussetzen. Venzago nutzte hier anfangs durchaus das Mittel des Rubato, gestaltet aber eher die großen Gesten und Bögen als Details in Agogik und Artikulation. Das Orchester war gelegentlich zu laut, zusätzliche dynamische Differenzierung wäre dem Werk gut angestanden. Im Andante sostenuto nutzte Venzago mehr Agogik, ließ die Bläsersoli aufblühen. Leider fehlte es wieder etwas an der Subtilität, der Intimität. Da geriet schon mal ein pp zum mf, die Musik tönte manchmal relativ metrisch, zum Beispiel in der Begleitung des Violinsolos.

Im dritten Satz wählte der Dirigent ein gutes, anspruchsvolles Zeitmaß, allerdings könnte ich mir auch hier mehr dynamische Differenzierung und Strukturierung vorstellen. Die Synkopen im repetierten Mittelteil waren zu nebensächlich, zu wenig derb musiziert. Der Satz endete in einer (nicht notierten) Fermate – danach ging der Dirigent ohne Unterbruch zur langsamen Einleitung des Finales über. Diese gefiel mit ausgezeichneter Koordination in den beschleunigenden Pizzicati, das Hornthema (Brahms' Geburtstagsgruß an Clara Schumann, Hoch auf’m Berg, tief im Tal grüß ich dich viel tausend mal!) sehr schön herausgearbeitet. Den Allegro Teil nahm Venzago mit Schwung, drängte unaufhaltsam vorwärts, bei Accelerando beschleunigte er resolut. Er artikulierte an manchen Stellen fast militärisch, nicht ohne zwischendurch die Stellen mit dem Hornthema auszukosten. Insgesamt aber schien mir der Satz zu sehr auf Effekt getrimmt, er entbehrte jeglicher norddeutschen Tiefsinnigkeit.

Als „Betthupferl“ gab's danach noch den Ungarischen Tanz Nr.1 von Brahms: eher ein Rausschmeißer, etwas übertrieben gestaltet, aber bei Zugaben sollte man das nicht so kritisch sehen!

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