Schon beim Studium des Saisonprogramms drängte sich ein Gedanke beinahe auf: zweimal Strauss innerhalb von 3 Tagen? Don Quixote mit dem Tonhalle-Orchester, und kurz darauf die gleiche Komposition nochmals, diesmal im Doppelpack, gefolgt von Ein Heldenleben aus der gleichen Schaffensperiode, in einem reinen Strauss-Programm. Wer andererseits einer Überdosis Strauss nicht ablehnend gegenüberstand, dem bot sich die einmalige Gelegenheit, ein Werk zuerst mit den „Lokalmatadoren” zu genießen, und danach in derselben Akustik das gleiche mit Gautier Capuçon, Philippe Jordan und den Wiener Symphonikern, organisiert von Migros Kulturprozent Classics. Dieses Experiment hat sich in der Tat gelohnt, handelte es sich doch um die seltene Möglichkeit des Direktvergleichs zweier Orchesterkulturen. Allerdings war die Konfrontation etwas unfair, kann doch der scheidende Tonhalle-Chefdirigent dem gebürtigen Zürcher Jordan (der sich nach einem kometenhaften Aufstieg im Dirigenten-Olymp etabliert hat) bei weitem nicht das Wasser reichen und hat deshalb auch das Orchester unter seinem Wert "verkauft". Auf qualitative Vergleiche soll hier deshalb verzichtet werden. Hingegen lohnt ein Blick auf die Unterschiede in Klang und Interpretationsansatz.

Gautier Capuçon © Frank Grimm
Gautier Capuçon
© Frank Grimm

Nach zwei Tagen schon wieder eine Großformation in der Tonhalle Maag und wie anders es diesmal tönte. Bereits mit den ersten Takten relativierten die Wiener den Eindruck von trockener, analytischer Akustik, mit welchem man diesen Saal assoziiert. Sicher, Nachhall ist (außer elektronisch erzeugter Raumakustik) keiner da, aber der oft beobachtete Spaltklang ist ganz offensichtlich nicht ein Produkt des Saals, sondern (zumindest auch) eine Frage der Klangkultur, der Artikulation, und der dynamischen Balance. Die Wiener Symphoniker nutzten eine antiphonale Aufstellung, mit den Kontrabässen rechts hinter den zweiten Geigen, die Celli rechts von der Mitte. Bemerkenswert der ausgesprochen weiche, seidene Ton der Streicher, der das Orchesterkolorit entscheidend prägte, zu einem gewissen Grad auch dominierte. Die Bläser traten weniger als separate Gruppe in Erscheinung, sondern färbten mischend den Gesamtklang. Das allein war schon bemerkenswert; darüber hinaus jedoch verstand es Philippe Jordan meisterhaft, die Dynamik zu kontrollieren. Auch bei vollem Volumen tönte das Orchester nie lärmig, die Akustik wurde nie überladen und wie er es schaffte den Solisten bis ins feinste ppp (und darunter) Raum zu geben, grenzte an ein Wunder. Und die Solisten! Auch da ein ganz anderer Ansatz, ohne Karikatur: Humor, Ironie wirkten durch die Musik, nie durch Mimik, Gestik, oder Übertreibung.

Gautier Capuçon spielte über weite Strecken frei, behielt intensiv Blickkontakt mit Dirigent und Orchester, hörte zu – und rührte mit seinem zugleich intensiv-expressiven wie äußerst subtilen Spiel, dem fein-singenden Ton seines Goffriller-Cellos von 1701 ans Innerste des Hörers. Capuçon spielte unprätentiös, trotzdem richtete sich die Aufmerksamkeit ganz auf ihn, sobald der Bogen die Saiten berührte. Auch ohne Äußerlichkeiten wirkten die rezitativischen Partien ungemein sprechend, gestaltet. Capuçons Solo war absolut makellos – mit Ausnahme eines einzigen Tons, den er nicht korrigieren mochte. Erstaunlich auch die Sonorität der Viola (Herbert Müller), welche diejenige des Cellos ideal ergänzte. Es kam durchaus vor, dass man glaubte, das Cello zu hören, und in Variation III begann sie gar, volksmusikalisch-beschwingt zu tanzen. Gänzlich uneitel die sorgfältigen Violinsoli des Konzertmeisters, Anton Sorokow, der nie versuchte, sich in den Vordergrund zu drängen, sich ins Klangbild einfügte und dabei trotzdem Präsenz behielt. Jordans Tempodisposition war souverän und frei, er nutzte eine reichhaltige, lebendige Agogik, ließ dabei die Solisten frei gestalten. Vor allem aber schaffte er es, in diesem langen, einzigen Satz nie Spannung und Intensität zu verlieren, Musiker und Publikum bei der Stange zu halten. Nichts wirkte aufgesetzt oder „gemacht”. Der einzige Wermutstropfen waren die Intonationstrübungen bei den tiefen Blechbläsern.

Strauss' Ein Heldenleben dirigierte Jordan auswendig, und natürlich mit derselben Intensität, der gleichen, hervorragenden Dynamikkontrolle und akustischen Balance, dem nahtlosen, zwingenden Gesamtablauf, dem dramatischen Zug. Das Orchester überzeugte mit seinem reichen, süffigen Streicherklang, der homogenen Bläsergruppe, subtil im Pianissimo, anderseits die epische Breite der Klimax ohne Übertreibung, ganz aus dem Herzen auslotend, auskostend, dass einem ein Schauer über den Rücken liefen. In der Verklärung war die Musik so gelöst, trotzdem nie loslassend, und ohne Larmoyanz ergreifend, zu Tränen rührend. Wer sich von dieser Musik, dieser Aufführung nicht hinreißen ließ, muss ein steinernes Gemüt haben!

Philippe Jordan konnte dem Publikum Zugaben nicht versagen: zuerst Brahms' Ungarischen Tanz Nr.5 in g-Moll, danach – wie könnte es für ein Wiener Orchester anders sein – die Tritsch-Tratsch-Polka von Johann Strauss Sohn, beides nicht als sportlichen Kehraus, sondern mit ungarischem, respektive Wienerischem Herzblut.