„Sera“ (Abend), „sereno“ (heiter), „al sereno“ (im Freien) – es gibt viele Ableitungen für den Begriff der musikalischen Form der Serenade. Im 17. Jahrhundert als abendliche Freiluftmusik konzipiert, fand sie später den Weg in die Konzertsäle. Mit ihrem Serenaden-Programm im Brunnenhof der Münchner Residenz gingen die Münchner Symphoniker bei einer lauschigen Sommernacht also zurück zum Ursprung und brachten gleich drei Serenaden der Romantik auf die Bühne. Dem Idealtypus der unbeschwerten Freiluftmusik zur Abend- oder Nachtzeit kamen die Symphoniker dabei sehr nahe. Kammermusikalische Strenge und Unterhaltungscharakter standen sich dabei keineswegs im Weg.

Kevin John Edusei © Marco Borggreve
Kevin John Edusei
© Marco Borggreve

Mit sprühendem Optimismus eröffneten die Symphoniker die Streicherserenade von Josef Suk, die der Tscheche wohl als letzte Arbeit während seines Studiums abschloss. Ein Werk vollkommen in Dur und vielleicht gerade deshalb solch eine Herausforderung für den zum Moll neigenden Suk. Auch wenn man seinen Lehrer Dvořák noch deutlich heraushört, die Münchner Symphoniker wussten den leichten, melodiösen Charakter mit feiner Raffinesse herauszuarbeiten. Mit großen Phrasen entwickelten die hohen Streicher, die im Stehen musizierten, die kammermusikalischen Feinheiten der ersten beiden Sätze mit großem Gestus. Wunderbar ausgesungen und detailreich ging Edusei das Adagio an, das mit seiner thematischen Klarheit ans Herz ging. Rustikal, beherzt und mit viel Lokalkolorit schlugen die Symphoniker schließlich im Finale den Bogen zur zweiten Serenade des Programms. In seiner Serenade d-moll verbindet Dvořák erdige Marschmusik mit pastoraler Idylle. Ursprünglich für zehn Bläser komponiert interpretierten die Symphoniker die Bläserserenade mit den von Dvořák später eingefügten Stimmen für Cello und Kontrabass. Zwar wird die d-Moll-Serenade deutlich seltener aufgeführt als seine Serenade für Streicher, dennoch warben die Symphoniker für den Charme der Bläserserenade. Die böhmische Dorfidylle mit Volkstanz und rustikaler Harmonik, die Dvořák in seinem Werk zu anspruchsvoller Unterhaltungsmusik transformiert, durfte sich bei den Symphonikern effektvoll und gut gelaunt entwickeln. Das stets vorwärtsdrängende Finale gestaltete sich unter Eduseis Dirigat zum wild-intensiven Kraftstück, das sich bis zur letzten Horntriole steigerte.

Die intuitive Rustikalität der Bläserserenade kontrastierte die weit rationalere Zweite Serenade von Johannes Brahms, die zwar für kleines Orchester mit Streichern und Bläsern besetzt ist, dennoch aber ganz vom Bläserklang dominiert wird. Mehrere Jahrzehnte vor seinem ersten symphonischen Versuch entwickelte Brahms seine A-Dur-Serenade, die wie ihre Schwester in D-Dur ganz dem Geiste der Serenaden und Symphonien eines Mozarts oder Haydns nachspüren. Wie auch der erste Satz seines Requiems ist die Serenade ohne Violinen besetzt und sorgt so für einen dunkleren, kompakteren Klang, der sich deutlich von den beiden kammermusikalischeren Serenaden von Suk und Dvořák absetzte. Edusei durchleuchtete aber auch den dichteren Brahmsklang mit ebengleicher Sorgfältigkeit wie bei den beiden Vorgängern. Die Symphoniker klangen bei Brahms allerdings noch freier, lyrischer und ungemein aussagestark. Warum das Werk, das den sonst so selbstkritischen Brahms zur „Wagnerschen Neigung“ des Eigenlobs verleitete, machten die Symphoniker in jedem Satz deutlich. Das Scherzo ließen sie präzise akzentuiert und mit frischer Klarheit durchlaufen, das Adagio spannten sie in großen erzählhaften Bögen auf und agierten im finalen Rondo spritzig und mit zwingender dynamischer Variation. So klang der Abschluss des Programms nach deutlich mehr als bloßer lockerer Unterhaltungsmusik zum Sonnenuntergang. Die Symphoniker überzeugten jedoch gleichermaßen – egal ob rustikal oder rational.

****1