„Opfer“ ist ein in unserer Gesellschaft schnell ausgesprochener Begriff, was sich nicht zuletzt daran zeigt, dass er in der Jugendsprache sogar schon zur oft leichtfertig verwendeten Beleidung geworden ist. Doch was es wirklich bedeutet, „Opfer“ zu sein, das ist den wenigsten bei einer solchen Begriffsverwendung bewusst. Man könnte sagen, das ist auch gut so. Aber: ein Schweigen über „Opfer“ und deren Schicksal beraubt die ohnehin schon meist anonymen Personen, die große Qualen durchleiden müssen oder mussten, ihrer letzten Rechte. Nur selten bekommen „Opfer“ ein Gesicht, wie dies im Fall von Anne Frank oder dem kleinen Jungen, dessen Leiche an den türkischen Strand angespült wurde und dessen Bilder in den letzten Wochen durch die internationale Presse gingen, der Fall ist. Das ist offenkundig die Botschaft des bewegenden Abends, mit dem die zehnte Saison des Theater an der Wien eröffnet wurde.

Juliane Banse © Herwig Prammer | Theater an der Wien
Juliane Banse
© Herwig Prammer | Theater an der Wien

Das Publikum des leider nicht ausverkauften Theaters wusste, dass es sich auf keinen Abend der leichten Muße eingelassen hatte. Aber dass dieser so bewegend und mit so viel Gegenwärtigkeit versehen sein würde, hatte sich wohl keine/r der Anwesenden gedacht. In einem vom Komponisten selbst gestalteten Libretto bringt Das Tagebuch der Anne Frank, Grigori Frids aus vier Szenen und einundzwanzig Episoden komponierte Mono-Oper für Sopran und Kammerorchester aus dem Jahr 1969 Textfragmente aus den berühmt gewordenen Aufzeichnungen aus dem Hinterhaus zu Gehör. Bei der Textauswahl Frids wird dabei deutlich, dass Anne Frank ihrem Tagebuch, dem sie den Namen Kitty gab, nicht nur die Verzweiflung im Versteck anvertraute, sondern auch manchen heiteren und ebenso hoffnungsvollen Moment.

Für die szenische Einrichtung der Oper zeichnete Reto Nickler, weiland Professor für szenische Darstellung und Regie an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, verantwortlich. Seine Arbeit kommt dabei mit stark reduzierten Mitteln aus. Auf der Mitte der Bühne stehen ein Tisch und ein Stuhl. Der Tisch der mit verschiedenen Papieren und einem Buch, dem titelgebenden Tagebuch belegt ist, wird mittels einer Kamera abgefilmt und auf eine Leinwand im Bühnenhintergrund projiziert. Die Solistin des Abends, Juliane Banse, trat als eine Art Forscherin auf den Spuren Anne Franks auf und kommentierte mit Bildern, Dokumtenen und selbstgeschrieben Texten das musikalisch-textliche Geschehen der Kammeroper. Dabei gelingt es Nickler in diesem Augentheater, das das Ohrentheater ergänzt, auch Bezüge zwischen dem Opfer Anne Frank und den Opfern der Flucht über das Mittelmeer zu ziehen.

Juliane Banses gesangliche Interpretation fügte sich nahtlos in diese szenische Einrichtung. Sie versuchte nicht, wie dies bei mancher anderen Aufführung dieser Mono-Oper der Fall ist, in die Rolle der Anne Frank zu schlüpfen, sondern blieb gewissermaßen die beobachtende Forscherin auf den Spuren der Tagebuchschreiberin. Das soll nicht heißen, dass sie die Partie distanziert oder kühl interpretierte; sie gestaltete ihren Part mehr beschreibend als imitierend. Dabei zeigte sie große Kontrolle über ihren wohlklingenden Sopran. Vom tiefenliegenden Sprechgesang bis zu den nicht zu unterschätzenden Höhen, die diese Partie verlangt, war Banse nicht nur sehr intonationssicher, sondern verlieh ihrer Interpretation auch eine unverwechselbare Farbe. Dies wurde vor allem in den verschiedenen Facetten deutlich, die die Partie der Sängerin abverlangt. So gestaltet sie die Episoden „Schule“ und „Duett der Eheleute van Daan“ als herrliche Parodien, in denen sie beiden Eheleute pantomimisch und mit unterschiedlicher Stimmfarbe – die Ehefrau kreischend, den Ehemann sonor - auf die Bühne brachte. Rührend gelangen ihr auch die wenigen Phasen der Hoffnung, die sie mit präziser Stimmführung und wunderbar kantilenisch ausgestaltete.

Juliane Banse © Herwig Prammer | Theater an der Wien
Juliane Banse
© Herwig Prammer | Theater an der Wien

Immer um die Klarheit der gesanglichen Leistung von Juliane Banse bemüht, erwiesen sich die Wiener Virtuosen unter Leo Hussain als ideale Begleiter. Das durch die Verwendung der zweiten (reduzierten) Fassung von Frids Oper aus dem Jahr 1999 auf neun Musiker begrenzte Orchester musiziert dabei einfühlsam und mit größtem Detailreichtum die schwierige Partitur. Dabei gelang ihnen sowohl das virtuos Solistische wie auch das gefasst Orchestrale, das der Komponist vom Kammerorchester verlangt. Zu besonderen Höhepunkten wurden dabei das bedrückende Vorspiel zur Oper, wie auch die ausgeklügelte Passacaglia, die Frid dem Finale vorangestellt hat. Hier waren nicht nur die Tempi ausgewogen gewählt, sondern auch das Zusammenspiel der wenigen Instrumente vermittelte den vollen Eindruck einer symphonischen Besetzung – was nicht heißen soll, dass dabei der Reiz der Kammerorchesterbesetzung verloren ging; die zahlreichen solistischen Auftritte werden dabei mit vollendeter Spielkultur dargebracht.

Diese kammerorchestrale Brillanz galt auch für die zunächst siebenköpfigen Wiener Virtuosen unter Leo Hussain bei der als Vorspiel zum Tagebuch vorangestellten Suite aus Igor Strawinskis L'histoire du soldat. Leider um zwei Sätze reduziert, bot das Kammerorchester damit einen virtuosen Einstieg in den Konzertabend. Auch hier ist hervorzuheben, mit wieviel Spielfreude die Musiker sich diesem schweren Stück instrumentaler Musik annahmen. Ein ganz besonderes Lob darf dabei an den Schlagzeuger Erwin Falk ausgesprochen werden. Seine rhythmische Gegenwärtigkeit drückte der Interpretation dieser Suite einen besonderen Stempel auf. Dies wurde vor allem im Tango mit der Solovioline als „Tanzpartner“ klar, und auch im furios ausmusizierten Triumphtanz des Teufels, bei dem bekanntlich das Schlagwerk das letzte Wort hat.

Nach erstaunlich langer Stille gab es für diesen sehr berührenden wie auch beunruhigenden Konzertabend langanhaltendes Publikumslob. Dem Theater an der Wien ist es einmal wieder gelungen, bereits mit dem Eröffnungskonzert zu beweisen, welchen Ausnahmestellung es nicht zuletzt in Wien einnimmt.

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