Bei meiner Geburt hieß ich Aram, aber die meiste Zeit meines Lebens wurde ich „Gregor“ genannt, von meinen Mitbrüdern im Kloster Surb Karabet in Westarmenien, der heutigen Türkei. Dort verbrachte ich vor über 1.000 Jahren die meiste Zeit meines Lebens als einfacher Mönch. Meine Geschichte beginnt um 4 Uhr morgens, als uns die Klosterglocke wie jeden Tag zum Morgengebet weckte. Es war bitterkalt und ich fühlte meinen Körper kaum, als ich vom harten Steinboden meiner Zelle aufstand. Ich wusch mein Gesicht mit frischem Brunnenwasser, zog meine Kutte an und machte mich auf den Weg zur Johannes-Kapelle durch die düsteren Gänge des Klosters, wo mir immer mehr meiner Mitbrüder begegneten.

Tigran Hamasyan © Maeve Stam / Nonesuch
Tigran Hamasyan
© Maeve Stam / Nonesuch

Der armenische Jazz-Pianist Tigran Hamasyan veröffentlichte vor einigen Wochen gemeinsam mit dem Staatlichen Kammerchor Yerewan das Album Luys i Liso – „Licht aus Licht“. Die armenischen Musiker entführen ihre Hörer auf eine spirituelle Reise durch die sakrale Musik ihres Heimatlandes. Der hochbegabte Pianist, der ursprünglich eine klassische Ausbildung genossen hatte, arrangierte dazu armenische Kirchenlieder, Scharakane und Kanones aus dem 5. bis 20. Jahrhundert, für Chor und Klavier. „Mit den Jahren beschäftigte mich die Idee, ein ganzes Album mit dieser Musik und ihren unglaublich schönen Melodien zu machen. Sie besitzt improvisatorische Elemente und bietet sehr viel Freiraum für Interpretation. Jedes Mal, wenn wir diese Musik aufführen, spiele ich etwas völlig anderes.“ So auch am 23.10. in der Münchner Allerheiligenhofkirche.

Wir zogen gemeinsam zur Kapelle, setzen uns ins Chorgestühl und warteten auf die Glocken, die den Gottesdienst einläuteten. Meine Hände und Füße waren klamm und ich hörte meinen Magen knurren, denn es war Fastenzeit. Dann stimmte Bruder Konstantin den ersten Choral an. Die Bässe meiner Mitbrüder, von denen einige absichtlich eine Oktave tiefer sangen als es in den Neumen notiert stand, erfüllten den steinernen Korpus der altehrwürdigen Kapelle. Ich hatte dein Eindruck, dass die Steinwände langsam zu leuchten begannen wie in dunkles Azurblau getüncht. Wir Tenöre warteten, bis sich der Grundbass seinen Weg in die hintersten Ecken der Kapelle gebahnt hatte, und begannen dann zu singen. Sobald ich meine eigene Stimme vernahm und hörte, wie sie sich mit den vertrauten Stimmen meiner Mitbrüder vereinte, schlug mein Herz schneller und ich spürte, wie eine wohlige Wärme meinen Körper durchflutete.

Der Durchbruch gelang Tigran Hamasyan mit dem Gewinn der Thelonious Monk Jazz Competition und der Veröffentlichung seines Debütalbums World Passion. Hamasyan ist einer der interessantesten Künstler seiner Generation und schöpft aus einer schier unendlichen Fülle von bekannten Stilen und eigenen Ideen. Die musikalische Substanz, welche den neuesten Stücken zugrunde liegt, ist hochkomplex, fußt zumeist auf ungewöhnlichen Skalensystemen teils mit Vierteltönen und weist eine äußerst diffizile Rhythmik auf. In Ov Zarmanali beispielsweise sang der Chor Akkorde in 13/16-Takt mit beeindruckender Präzision, über die Hamasyan sodann improvisierte.

Der junge Pianist versenkte sich in sein Instrument und grub sich ganz tief ein in die kleinsten Details dieser strengen und doch mit Trillern und verspielten Verzierungen geschmückten Musik. Er begeisterte den Hörermit ständig neuen harmonischen, rhythmischen und melodischen Einfällen. Besonders faszinierend war sein außerordentlich feines Gespür für die harmonische Gravitation, mit der er ein um das andere Mal vertraute Hörgewohnheiten heraufbeschwor, um sie dann aus den Angeln zu heben, wodurch die Zeit für einen Moment stehenzubleiben schien. Die Mitglieder des Staatlichen Kammerchors Yerewan mit ihren berührend naturbelassenen Stimmen taten ihr Eigenes, um diesen Konzertabend zu einem außergewöhnlichen Erlebnis werden zu lassen.

Wir sangen ohne Unterlass einen Choral nach dem anderen und meine Bettschwere wich einer freudigen Leichtigkeit, während das erste Dämmerlicht die schemenhaften Umrisse der Ikonen an den Wänden der Kapelle offenbarte. Noch immer war es eisig kalt, doch meine Seele badete im warmen Klang der sich verästelnden Melodien, die den Lobpreis Gottes verkündeten. Meine Gedanken verebbten, ich ließ mich treiben. Während mein Geist noch immer schlummerte, nahm ich mit einer gebirgsbachklaren Wachheit jede Wendung der von uns angestimmten Lieder wahr. Langsam wurde ich Eins mit der Musik; die Ewigkeit rückte immer näher und kam schließlich ganz über mich, ohne dass ich mich dessen erwehren konnte. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir sangen, bevor wir das letzte Halleluja anstimmten. Lange noch horchte ich den Klängen nach, die wie Rinnsale in den Steinritzen der Kapelle versickerten.