Lionel Bringuier © Simon Pauly
Lionel Bringuier
© Simon Pauly
Viele Konzerte sind es nicht mehr, die das Tonhalle-Orchester Zürich vor der Kongresshaus-Renovation im altehrwürdigen Tonhalle-Saal gibt. Für diesen Abend, genauer gesagt für ZeroPoints des Ungarn Peter Eötvös, präsentierte sich der Klangkörper unter der Leitung des Chefdirigenten Lionel Bringuier noch einmal in voller Besetzung auf dem vergrößerten Podium. Eötvös füllt in dieser Saison die Position des Creative Chair des Orchesters. Mit diesem, 1999 komponierten Werk bezieht er sich auf Domaines von Pierre Boulez. Letzterer zählt in seiner Komposition die Takte als 0, 1, 2, etc.; Eötvös wollte dieser ganzzahligen Welt etwas entgegensetzen und teilt deshalb zeroPoints in die neun Abschnitte „0.1", „0.2", ... „0.9", die allerdings nahtlos ineinander übergehen. Da die Abschnitte im Programmheft nicht weiter charakterisiert wurden, erfuhr das Publikum im Wesentlichen eine viertelstündige Sequenz musikalischer Ausdrucksarten. Das Werk ist natürlich in modernem Idiom gehalten, aber nach meinem Dafürhalten auch für „Nicht-Insider" durchaus verdaulich und genießbar, so man sich denn auf diese Musik einlässt. Es ist ja nicht verboten, beim Gehörten seiner Imagination freien Lauf zu lassen – ganz im Gegenteil! 

In groben Zügen: zu Anfang hörte ich Vogelgezwitscher, das sich zu einer Menagerie steigert, gefolgt von einem fast feierlichen Segment mit anwachsenden und verklingenden, dunklen Bläserstimmen. Danach: ein wilder Kampf, die resolute Interaktion zwischen Instrumentalgruppen, untermalt von den Glissandi der Maschinenpauken (die hier häufig Verwendung finden), sodann eine Phase der Beruhigung und ein Segment in dem Xylo- und Metallophone dominieren. Ein erneutes Aufleben führt zu einem sehr virtuosen Austausch von Motiven, danach eine choral-artige Phase (Bläser, Maschinenpauken und Tamtam). Jetzt schien die Zeit stillzustehen, liegende Pianissimo-Tremoli untermalten eine zerschnittene Melodie in den Holzbläsern. Schließlich tauschen die hohen Instrumente sehnsüchtige Rufe aus, das in mir das Bild von Mondlicht evozierte, das sich auf einer Wasseroberfläche spiegelt, Sternengeflimmer, über Stille hin zu wellenförmigen Steigerungen im Blech. Dann leiten Xylo- und Metallophone über zur Schlusssteigerung – die allerletzten Noten erklingen fff auf dem gedämpften Metallophon. Ich fand die Komposition sehr unterhaltsam und interessant, traf jedoch erwartungsgemäß auch Leute, denen diese Musik absolut nichts bot. Orchester und Dirigent arbeiteten jedenfalls ernsthaft, in gewohnter Qualität sehr diszipliniert und konzentriert.

Der größte Teil der ersten Konzerthälfte wurde eingenommen von Strawinskys Petruschka-Suite in der Fassung von 1947. Nach meinem Dafürhalten bot das Orchester eine ausgezeichnete, fast perfekte Leistung, spielte mit Konzentration, Sorgfalt und Engagement. Trotzdem, so richtige Begeisterung schien nicht aufkommen zu wollen –  jedenfalls übertrug sie sich nicht auf mich als Hörer. Lionel Bringuier hatte den Orchesterapparat, wie auch die Interpretation, bestens unter Kontrolle. Aber so sehr er sich Mühe gab, mir schien die Aufführung etwas zu beherrscht, es fehlte die letzte Begeisterung, Dramatik, Enthusiasmus, auch das etwas Überdreht-Ausufernde, das Inspirierte, Imaginative des Theaters, der Jahrmarktszenen. Das lässt sich auch durch die perfektesten Instrumentalisten und Solisten nicht ersetzen. Bringuiers Tempowahl fand ich allgemein gut, kontrolliert, nicht übereilt, aber dennoch gelegentlich an der Obergrenze, sodass zum Beispiel der Pianist (Peter Solomon) gefordert war. Seine raschen Läufe und Akkordketten drohten oftmals zu verschwimmen.

Kristóf Baráti © Marco Borggreve
Kristóf Baráti
© Marco Borggreve

Für das Schostakowitschs Violinkonzert Nr. 1 im zweiten Teil des Konzerts gab es eine unerwartete Änderung: da Leonidas Kavakos wegen eines Trauerfalls in der Familie sämtliche Konzerte im Juni absagen musste, sprang kurzfristig der ungarische Geiger Kristóf Baráti ein. Wir erlebten einen bescheiden auftretenden Künstler, der mit stoischer Miene, ganz in die Musik vertieft, dem Werk dienend, konzentriert spielte, von Bringuier und seinem Ensemble umsichtig und aufmerksam begleitet. Baráti schaute dabei allenfalls in die Noten, schien Publikum kaum Beachtung zu schenken. Es war eine Freude, dem weichen, warmen und tragenden Ton seiner Stradivari, dem unauffälligen Vibrato, der Sicherheit in der äußerst anspruchsvollen Intonation zuzuhören: ein wahrer Klangästhet höchster Güte. 

Im Nocturne blühten die endlosen Melodien auf – so ruhig, ruhend, oft versonnen-ätherisch: eine echte Nachtmusik. Baráti behielt seine stoische Ruhe und Konzentration auch im rhythmisch intrikaten, dabei motorisch-hinreißenden Scherzo: virtuos, fehlerfrei, und hier auch mit mehr Initiative als im ersten Satz. Der Klangästhet zeigte sich ebenso darin, dass er gelegentlich von Schostakowitschs Notentext mit sukzessiven Abstrichen abwich, zugunsten einer kantableren Sonorität. Das Vorspiel der Passacaglia mit seinem „Elefanten-Motiv" im Bass als Begleitung zu einem choralartigen Trauermarsch verfolgte er aufmerksam und setzte dann, oft im Duo mit dem Fagott, zu seiner überirdisch schönen, anrührenden Melodie an, sehr intensiv im Ton, fließend, sich zu himmlischem Jubel aufschwingend. Die nachfolgende, mehr als fünfminütige Kadenz spielte er mit schwingender Agogik, selbst in kräftigen Akzenten immer sonor, sauber im Klang und glockenrein: Ausdruck, nicht Eindruck oder extrovertierte Virtuosität. Souverän blieb er auch in der hinreißenden Bourlesque, nun durchaus auch vorwärtsdrängend, das Orchester mitziehend. Faszinierend! 

Für den fast frenetischen Applaus offerierte er eine Zugabe. Bevor er zu Spielen anhob, quietschte leise eine Türe, und erstmals huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Dann erklang – gänzlich unaufgeregt und in makellosem Ton – das Largo aus Bachs dritter Solo-Sonate: der perfekte Ausklang nach Schostakowitschs Meisterwerk!