Bei diesem Konzert galt die Aufmerksamkeit eines Großteils des Publikums – und des Rezensentens – nicht nur den Interpreten und der Musik, sondern gleichermaßen dem Tonhalle-Provisorium für die kommenden drei Jahre. Dabei waren alle Sinne angesprochen: von der neuen Optik (heller, weiter) bis zu den etwas spartanisch anmutenden, aber praktischen Sitzen ohne Armlehnen, hin natürlich zur Akustik. Anders als im historischen Saal lässt sich die Größe des Podiums nicht einfach anpassen; dem Tonhalle-Orchester Zürich stand demnach für den ersten Teil des Konzerts ungewohnt viel Platz zur Verfügung. Das erweckte den Eindruck eines für Beethoven eher großen Orchesterapparats (historisch informiert war allenfalls der klare Klang der Pauken).

Francesco Piemontesi © Marco Borggreve
Francesco Piemontesi
© Marco Borggreve

Die mit Vorschusslorbeeren bedachte Akustik fügt sich zur ungewohnten Optik: sehr klar, durchsichtig, analytisch und präzise. Alle Stimmen des Klangapparates waren nicht nur bis ins feinste Detail ausgezeichnet hörbar, sondern auch genau zu lokalisieren. Anderseits präsentierte sich der Raum als ziemlich trocken, ohne nennenswerten Nachhall. Die Akustik ist nicht nur ungewöhnlich detailreich: am anderen Ende der Skala erreichte das Orchester bei Schostakowitsch scheinbar mühelos einen beachtlichen Schallpegel. Ob der eher trockene Klang des Flügels auf die Intonation oder auf die Akustik zurückzuführen war, ist schwer zu beurteilen, aber prinzipiell scheint der Saal auch für Solorecitals ausgezeichnet geeignet.

Der Tessiner Francesco Piemontesi kann mit seinen 34 Jahren schon auf eine beachtliche internationale Karriere zurückblicken. Seine Interpretation des Beethoven Klavierkonzert Nr. 3 als betont impulsiv, vorwiegend legato, vorwärtsgerichtet und flüssig, mit Sicherheit und ausgezeichneter Technik. Er investierte mehr in Bögen und Phrasen denn in fein ziselierte Artikulation und Klangrede, wobei die linke Hand speziell im Staccato sehr differenziert gestaltete. Rasche Passagen gerieten vor Höhepunkten gelegentlich etwas summarisch, wenn nicht gar beschleunigend: oftmals wären kleine Ritenuti vor Schlüsselnoten wünschenswert gewesen. Sehr schön ausgestaltet war das Dolce der Kadenz – dafür war das nachfolgende Presto wieder von Tastendonner geprägt. Auch etliche der Soli im Largo schienen sehr auf die Sonorität des modernen Konzertflügels ausgerichtet, klangen eher laut als singend; einzig im freien Präludieren des Mittelteils (als Begleitung zum Orchester) nahm Piemontesi den Klang zurück und verschleierte mit dem Haltepedal, wie von Beethoven vorgeschrieben. Das Rondo war spielerisch, in der linken Hand leicht und klar. Der weichere Charakter des ersten Intermezzos wurde durch leichte Zurücknahme des Tempos noch betont. Dafür geriet der staccato-Beginn des zentralen Solos recht grob, erreichte erst nach einigen Takten wieder die weiche Artikulation des Intermezzos. Gut getroffen war der humoristische Aspekt im letzten Teil des Allegro, vielleicht etwas gar rasch dafür das abschließende Presto. Insgesamt eine Interpretation eher konventionellen Zuschnitts, auch in der Zugabe, dem Adagio aus Mozarts Sonate in F-Dur.

In Schostakowitschs Fünfzehnter lag das Augenmerk dann gänzlich auf dem Tonhalle-Orchester und dem Dirigenten Charles Dutoit, der das Alegretto des Eröffnungssatzes etwas zu rasch nahm. Es fehlte das Lockere, der Humor, die Leichtigkeit, das Spielerische, beispielsweise im Rossini-Zitat. Der Satz klang verbissen und als Zuhörer kam man kaum dazu, das polyrhythmische Segment zu genießen. Die Folgesätze tendierten zu Spannungsverlust. Irgendwie schien der Funke – zwischen Dirigent und Orchester, oder derjenige zwischen Orchester und Publikum? – nicht überspringen zu wollen. Vielleicht fehlte in der offenen Akustik die Fokussierung des Klangs, denn an der Orchesterleistung kann es nicht gelegen haben. Diese war durchweg untadelig, ausgezeichnet sowohl in der Gesamtheit wie in den exzellenten Soli, beispielsweise des Konzertmeisters (Andreas Janke), des Solocellisten (bis auf das gelegentlich etwas ausladende Vibrato) und der Soloflötistin. Letztlich gilt: in diesem Werk wäre wohl weniger gelegentlich mehr gewesen, hätte das Orchester auch weniger laut spielen können.