Ich gebe gerne zu, dass ich vor diesem Abend etwas skeptisch war: Man mag im Fünften das apollinisch-ausgewogenste von Beethovens Klavierkonzerten sehen, zugleich fehlt ihm aber auch die extrovertierte Virtuosität, das Show-Element. Würde die Aufführung also „nur“ eine Neuauflage von „des Kaisers neue Kleider“ präsentieren? Diese Bedenken zerschlugen sich allerdings mit dem Betreten des Saals: Ich war positiv überrascht, anstelle des üblichen Steinway das neuste Modell von Bösendorfer (280 VC) zu erblicken, was schon für sich eine interessante Erfahrung versprach.

Sir András Schiff © Nadia F. Romanini
Sir András Schiff
© Nadia F. Romanini

Eine Besonderheit in Beethovens Es-Dur-Konzert sind die einleitenden drei Soloparaden. Jedes dieser Soli arbeitet sich aus der Tiefe hoch zu einem Höhepunkt und sinkt danach wieder in die Tiefe ab. Sir András Schiff nahm die Anstiege jeweils flüssig, markierte dann die Klimax durch deutliche Phrasierung. Die Abstiege waren durch klare Artikulation und beinahe extravagantes inégal-Spiel charakterisiert.Schiffs Spiel überzeugte durch allgemein sorgfältige Artikulation, differenzierte Dynamik und bewusste Gewichtung der beiden Hände. Oftmals ließ er die Rechte mit ihrem Figurenwerk laufen und hob dafür die Motive der Linken in Klangsprache und Dynamik fast überdeutlich hervor. Auffällig auch der angelegentliche Gebrauch des Arpeggiando für hervorgehobene Akkorde und Akkordsequenzen. Interessant schien mir das deutliche Anziehen des Tempos in den Takten der sempre staccato-Passage: interpretierte Schiff dies wohl als ausgeschriebene Kadenz? Im Allgemeinen empfand ich Schiffs Spiel als unprätentiös, nur gelegentlich äußerte sich seine didaktische Ader in der sehr klaren Unterscheidung der Triolen von regulären Achteln und Sechzehnteln.

Gegen Ende des langsamen Satzes drohte trotz des nahezu überdeutlichen Spiels des Solisten jedoch ein gewisser Spannungsverlust. Der Fokus der beiden Altmeister Schiff und Haitink lag auf Ruhe, weniger im Aufbau von Spannung zum Schlusssatz hin. Im fast explosionsartigen Beginn des letzteren stellt sich die notorische Frage nach der Betonung im ersten Takt, das heißt, ob das zweite Achtelpaar synkopisch zu spielen ist. Schiff entschied sich dagegen, zugunsten eines konsequenten Spannungsaufbaus im ersten Takt, auf die Sechzehntelpaare hin. Auch hier wieder auffällig Schiffs sorgfältige, oft überdeutliche Artikulation, vielleicht mit einem kleinen Abstrich: Gelegentlich erschienen die absteigenden Sechzehntel-Oktavpaare der Rechten merkwürdig gedehnt, andere dafür eine Spur gehetzt, beinahe flüchtig. Beethovens Humor äußerte sich bei Schiff in überdeutlichen Akzenten und gelegentlichem Rubato, respektive fast übertriebener Agogik.

Neben dem Solisten verdient auch der ausgezeichnet intonierte Flügel einen Kommentar. Dieses Konzert war nicht nur deswegen bemerkenswert, weil es die Uniformität der Steinway-dominierten Podien durchbrach. Das Instrument erschien mir in Schiffs Händen dem Steinway deutlich überlegen: Auffallend die Klarheit durch alle Register, vom vollen Bass zum Leuchten der obersten Oktaven, allgemein der Klangreichtum – ein Genuss allein schon der gehaltene Schlusston am Ende des ersten Satzes. Auch ist der Ton nicht einfach schön und ausgeglichen, er kann in fortissimo-Oktavgängen durchaus auch Biss zeigen. Klar eine Bereicherung des Konzertlebens!

Nach der Pause zeigte sich Bernard Haitink als Meister der großen Form. Er dirigierte Bruckners monströse Sätze unaufgeregt, mit sparsamen Bewegungen, sorgfältigem Spannungsaufbau und ausgezeichneter dynamischer Kontrolle. Tempowechsel vollzog er natürlich, unauffällig, die Formteile harmonisch verknüpfend. Im Orchester gefiel mir der dichte, satte und homogene Streicherklang – Stimmen aus einem Guss! Dann natürlich der Bläserglanz: leuchtend, aber nicht exhibitionistisch auftrumpfend, immer sorgfältig dosiert, nahezu wie eine ausgezeichnet intonierte, romantische Orgel!

Bernard Haitink © Todd Rosenberg
Bernard Haitink
© Todd Rosenberg

Das Scherzo mit seinen ausgedehnten, raschen pizzicato-Passagen ist anspruchsvoll in der rhythmischen Koordination; das Orchester war der Aufgabe absolut gewachsen, auch nach den Anstrengungen des ersten Satzes. Mein einziger Kritikpunkt wäre, dass Haitink im Fortissimo das Zeitmaß anfangs eine Spur zurücknahm, als wenn er sich eines überzogenen Tempos bewusst worden wäre, um dann bei der Wiederkehr des Anfangsthemas zum originalen Tempo zurückzukehren. Mich hat das insgesamt nicht ganz überzeugt. Das Trio mit seinen Spiccati und den expressiven Einschüben ist ebenso anspruchsvoll und virtuos, war hier aber nicht ein auf Hochglanz poliertes Schaustück. Der da capo-Teil schien mir organischer als der Satzbeginn.

Im langsamen dritten Satz brechen sich Bruckners Urgewalten in riesigen Steigerungswellen Bahn. Haitink realisierte dieses riesenhafte Gebilde mit Passagen von glühender Expressivität, in harmonischer Entwicklung, ohne große Brüche und Überraschungen. In den eindrucksvollen Fortissimo-Ausbrüchen präsentierte sich wiederum die Bläser-Sektion in Bestform; es folgen aber auch Segmente, in denen Posaunen- und Oboensoli Verlorenheit ausdrücken. Die Musik scheint periodisch wieder neue Kraft zu schöpfen, nur um dann in dissonant schreiende Verzweiflung auszubrechen. Aber Bruckner gibt nicht auf, beginnt jeweils ruhig neu. Leider läuft die Symphonie letztlich ins Leere, es bleibt ihr die letzte Verklärung, die Erlösung versagt – ein Manko, das auch ein Meister wie Bernard Haitink nicht beheben kann.

Trotzdem lebt die Erinnerung an einen sehr eindrücklichen Konzertabend, mit einem Orchester, das trotz der gewaltigen Dimensionen der gespielten Werke kaum Ermüdungserscheinungen zeigte, dem mit stehenden Ovationen bedachten Dirigenten die Stange hielt, ihm ein verlässliches, ausgezeichnetes Instrument war.