Hilary Hahn zählt sicherlich eher zu der Gruppe von Musikern, die sich unprätentiös auf die Musik konzentriert. Im Finale zu Tschaikowski konnte man allerdings beobachten, wie die sonst so kontrollierte Hahn ihre Liebe zur Musik ganz offenlegte. Wie in einem Duell spornte sie Dirigent Leonard Slatkin und sein Orchestre National de Lyon zu einer energetischen Höchstleistung an. Das befreite Lächeln war dabei für das Publikum ebenso ansteckend wie die Musik selbst.

Hilary Hahn © Michael Patrick O'Leary
Hilary Hahn
© Michael Patrick O'Leary
Allerdings war das fulminante Finale keine Überraschung, sondern Ergebnis einer konsequenten Interpretation, die einmal mehr von Hahns spieltechnischer Vielfalt zeugte. In der Münchener Philharmonie gestaltete sie Tschaikowskis Violinkonzert in D-Dur mit ihrem warmen Klang, der besonders davon lebte wie Hahn ihre Töne gestaltete. Denn sie ließ diese nicht nur in sanfter Weise entstehen, sondern entwickelte sie zu strahlendem Glanz weiter. Dies übertrug sich bei ihr auch auf die Gestaltung ihrer lyrischen Phrasen – unabdingbar für das melodienreiche Werk. So gelangen ihr diese Melodien als tiefgründige, packende Erzählungen, die neben klanglicher Brillanz gleichfalls melancholische Nachdenklichkeit beinhalteten. Besonders die Canzonetta lebt von diesen lyrischen Linien, die Hahn mit akribischen Variationen in der Dynamik belebte. Die expressiven, virtuosen Passagen des Finales bekamen bei Hahn eine unglaubliche Leichtigkeit und wirkten in ihrer spieltechnischen Klarheit.

Das Orchestre de Lyon, das unter der Leitung ihres scheidenden Chefdirigenten Slatkin begleitete, wirkte im Zusammenspiel mit Hahn zu Beginn noch etwas uninspiriert, entfaltete aber besonders in seinen Solo-Passagen des Kopfsatzes eine dramatische Kraft, die einen Vorgeschmack auf das fulminante Finale bot. So wirkte dieses wie eine Initialzündung für das Programm der zweiten Hälfte, das verschiedenen Orchesterwerken Ravel gewidmet war. Ein Repertoire, dem Slatkin in seiner Position als Chefdirigent bei den Lyonern eine Reihe von Einspielungen gewidmet hat.

Auch wenn das Orchestre de Lyon vielleicht nicht die detailreichste Interpretation darbot, gestaltete Slatkin das Repertoire mit viel Witz und viel Espressivo. Vor allem die Rapsodie espagnole wirkte dadurch zwar sehr direkt in den mystischen Passagen aber umso flexibler und energetischer in den tänzerischen Momenten. Außerdem bewies sich das Orchestre de Lyon mit eleganter Finesse und klanglicher Leichtigkeit als ausgezeichneter Botschafter des französischen Impressionismus. Die romantische Pavane pour une infante défunte interpretierte Slatkin als puristische Orchesterminiatur, die sehr wirkungsvoll ohne große Effekte und mit fein gearbeiteter lyrischer Melodieführung und wohldosiertem melancholischem Charme überzeugte.

Ebenso reduziert wirkte zu Beginn der erste Satz der Daphnis und Chloé Orchestersuite Nr. 2, die in ihren drei Sätzen die interessantesten Klangfarben bereithielt. Mit Lever du jour zogen die Musiker das Publikum unweigerlich in ihre geheimnisvolle Interpretation der antiken Liebesgeschichte, die auch in den folgenden beiden Sätze fesselte. Die harmonische Dichte und drängende Spannung, die Slatkin seinem Orchester entlockte, wirkte dabei noch immer durch eine gewisse Eleganz. Die lyrische Pantomime interpretierte Slatkin als Verbindungsstück zum Danse générale und scheute sich nicht seinem Orchester einige gutdosierte Schwülstigkeit zu entlocken. Im finalen Danse générale schließlich gelang es Slatkin, die wild auffahrenden Motive der Partitur in fiebrig-ekstatische Klangbilder zu verwandeln, die sehr organisch ineinander übergingen und die das Orchester scheinbar endlos steigern konnte.

Zwei Zugaben hatte das Orchestre de Lyon dabei, die neben dem Intermezzo aus Carmen auch eine sehr amerikanische Verion des Toreador beinhalteten. Carmens Hoedown, ein Arrangement von Slatkins Vater Felix, schloss den Abend als wilden Rodeo-Ritt ab. Schmunzeln garantiert!