Wer Sol Gabetta kennt weiß, dass es bei ihr nicht immer die einschlägigen Genreklassiker sein müssen, die man schon hundertmal gehört hat. Bei ihrem Münchner Gastspiel mit dem Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia stand also selbstverständlich kein Dvořák oder Elgar auf dem Programm, sondern das Cellokonzert des französischen Romantikers Édouard Lalo, der uns heute vor allem noch mit seiner Symphonie espagnole erhalten geblieben ist. Gerahmt wurde das Cellokonzert von Peter Tschaikowskys Fantasie-Ouvertüre zu Romeo und Julia und der Zweiten Symphonie von Jean Sibelius. Drei Komponisten also, die alle im 19. Jahrhundert wirkten und die trotz ihrer nationalen Identität stets den Blick über ihr eigenes Land hinaus richteten.

Sol Gabetta © Uwe Arens
Sol Gabetta
© Uwe Arens

Angeleitet von Dirigent Mikko Franck musizierten die Italiener von Beginn an mit unbändiger Emotion, die in den dramatischen Verwicklungen von Tschaikowskys Shakespeare-Adaption die perfekte Spielfläche fand. Mit geschickten Temporückungen verlieh Franck der Ouvertüre eine vibrierende Lebendigkeit, die er mit großer Geste in das Liebesthema überführte. Hier fürchteten sich die Italiener nicht, auch mal etwas zu schmachten. Aber wo, wenn nicht in der Liebe, sollte das erlaubt sein?

Ebenso temperamentvoll warf sich Gabetta mit saftigen, dunklen Klängen in das Cellokonzert. Ansatzlos verwandelte sie den expressiven Beginn in ausschweifende Linien. Dabei gelang Gabetta ein wunderbar sanglicher Klang, der Ausdruckskraft und Farbigkeit verband. Weniger das Virtuose war gefragt als vielmehr die Fähigkeit, große erzählerische Bögen zu spannen und eine intensive Vernetzung mit dem Orchester zu gewährleisten. Gewitzt sprudelten die ländlich tänzerischen Motive des Intermezzos vorbei und waren Beweis für die außerordentliche Kommunikation zwischen Solistin und Orchester – mal lächelte Gabetta in Richtung Franck, mal lehnte sie sich in Richtung Konzertmeister. Im Ergebnis bedeutete dies eine Interpretation, die das seltene Kunststück vollbrachte, die lebhaften, effektvollen Motive mit romantischer Lyrik auf angenehm natürliche Weise zu vereinen. Für ihre Zugabe rekrutierte Gabetta die Cellogruppe des Orchesters für Gabriel Faurés Après un reve – ein meditatives Highlight.

Große klangliche Weiten steckte Franck schließlich in der Zweiten Symphonie von Jean Sibelius ab. Ganz anders als in seiner Ersten Symphonie zügelte Sibelius in seiner Zweiten die nordische Melancholie und reicherte seine musikalische Sprache mit sprühendem Optimismus an. Bereits das aufsteigende Anfangsmotiv atmete die großartige Zuversichtlichkeit und im Finale erlaubte sich das Orchestra große, fast sommerlich anmutende Bögen.

Dunkle und schwere Gegensätze schuf das Blech, das seine Choräle sehr kraftvoll und ausdrucksstark anging. Wie von einem inneren Motor angetrieben, entfaltete Franck die Sätze der Symphonie konsequent und detailliert. Das Orchester agierte nun nicht mehr mit der dramatischen Schärfe wie beim Tschaikowsky, sondern mit einer nordischeren Innigkeit, die jedoch nichts an Emotionalität einzubüßen hatte. Sicherlich hätte dem zweiten Satz (Tempo andante, ma rubato) etwas mehr Beweglichkeit guttun können, gleichzeitig wirkte die zerklüftete, bildliche Interpretation umso direkter und hatte einen schmerzlich sehnenden Charakter.

Schließlich bedankten sich die Italiener für den stürmischen Applaus mit Sibelius‘ Valse triste als Zugabe, der überhaupt nicht trist erklang, sondern sehr geschmackvoll ausschweifen durfte.

Im Dezember sind Franck und Gabetta wieder gemeinsam auf Tour. Diesmal mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France, wobei mit dem Cellokonzert von Mieczyslaw Weinberg eine weitere Rarität der Celloliteratur auf dem Programm steht.

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