Russisches Repertoire, russische Interpreten: beim Lucerne Festival präsentierte Yuri Temirkanov mit seinem Orchester, den St. Petersburger Philharmonikern, ein Programm von Rimsky-Korsakow, über das Zweite Klavierkonzert von Rachmaninow, mit Sergej Redkin als Solist, bis hin zu Tschaikowskys Ballettmusik Der Nussknacker, aus der Temirkanov eine Suite aus Stücken aus dem zweiten Akt zusammengestellt hatte.

Yuri Temirkanov © Lucerne Festival | Peter Fischli
Yuri Temirkanov
© Lucerne Festival | Peter Fischli

Sie kommen nicht jedes Jahr nach Luzern, die St. Petersburger Philharmoniker: immerhin das älteste Orchester Russlands, gegründet 1882, und seit 1992 unter der Leitung von Yuri Temirkanov, der heuer seinen 80. Geburtstag feiern wird. Es ist ein respektabler Klangkörper, der sich im KKL in antiphonaler Aufstellung präsentierte, die 10 Kontrabässe links hinter den ersten Violinen, rechts anschließend die Celli und die Bratschen. Eine Konfiguration, die akustisch deutliche Vorteile bietet, jedoch keine Erleichterung für die Koordination innerhalb des Orchesters (konkret: zwischen den beiden Violinstimmen) darstellt.

Temirkanov eröffnete mit Die drei Wunder, der Einleitung zur Schlussszene des vierten Aktes von Rimsky-Korsakovs Oper Das Märchen vom Zaren Saltan. Mit seinem Trompetensignal zu Beginn war dies der ideale Einstieg ins Konzert. Temirkanov dirigierte mit runden, sparsamen Bewegungen, später auch mit größeren Gesten, sich ganz auf die Fähigkeiten, die Routine des Orchesters verlassend. Es war erstaunlich, wie gut das Zusammenspiel im Orchester klappte, waren doch die Taktschwerpunkte aus den Bewegungen des Dirigenten nur zu erahnen. Interessanterweise bedurfte es dabei trotzdem nicht auffälliger Interventionen des Konzertmeisters. Die Interpretation fokussierte nicht auf ultrascharfe Perfektion, schien kaum auf Show-Effekte abzuzielen, eher auf Phrasen und Bögen. Abgesehen von einem kleinen, vorzeitigen Einsatz in der ersten Generalpause und geringfügigen, anfänglichen Intonationstrübungen bei den Trompeten, war es in der Tat eine eindrucksvolle Klangdemonstration.

Sergei Redkin © Lucerne Festival | Peter Fischli
Sergei Redkin
© Lucerne Festival | Peter Fischli

Im Zweiten Klavierkonzert von Rachmaninow nahm Sergej Redkin das Pianissimo der Einleitung notengetreu, baute rasch zum Fortissimo auf, verfiel danach in breit artikuliertes, rhapsodisches Spiel, um beim Un poco più mosso wie eine Rakete abzuheben, was das „Un poco” wie eine Karikatur (oder Ironie?) erscheinen ließ. Mit dem Fortschreiten der Musik wechselte Redkin zwischen lyrisch-elegischem Ausdruck – wobei er nie in romantische Süße verfiel – und rhapsodisch fließendem Spiel. Er vermied dabei Härten und übermäßiges Hämmern, und sein flüssiges Legato ließ die immensen Anforderungen in Rachmaninows Klaviersatz wie nebensächliches Beiwerk erscheinen. Man wurde als Zuhörer kaum gewahr, dass das Tempo an der Grenze des Machbaren lag. Generell aber war es eine Interpretation, die Wert auf die Gestaltung großer Bögen und Phrasen legte, und die auch den Nebenstimmen im Solopart zu ihrer berechtigten Rolle verhalf. Sie war nicht auf Bravour und Show ausgelegt, sondern auf Ausdruck. Ein kleiner Makel war, dass der Solopart gelegentlich vom Orchester beinahe zugedeckt wurde.

Sergej Redkin fokussierte zumeist auf sein Instrument und konnte sich ganz auf die Begleitung verlassen. Im Adagio sostenuto mit seinen wundervollen Kantilenen, die zwischen dem Solopart und dem Orchester hin- und herwechseln, funktionierte die Zusammenarbeit über ausgeprägte Agogik hinweg wie selbstverständlich. Wieder fanden sich diese großen Bögen, der natürliche Fluss selbst da, wo sich der Satz in eine virtuose Kadenz hineinsteigert, bevor er zu abgeklärter Heiterkeit zurückfindet und verträumt verklingt. Es war ein feingliedriges Spiel bis hin zu kraftvollen Paraden, jedoch ohne die Musik in der Artikulation zu zerpflücken.

Der Schlusssatz verlangte von Temirkanov mehr Zugriff. Die Zusammenarbeit mit dem Solisten blieb hervorragend, selbst bei sehr anspruchsvollem Tempo. Redkins technische Reserven sind erstaunlich, schienen gar beinahe unbegrenzt – einige der extrem virtuosen Ausbrüche gerieten in der Artikulation dennoch eine Spur summarisch. Umso mehr horchte der Pianist bei den lyrischen Passagen in die Musik hinein, spielte gefühlvoll und mit sorgfältiger Dynamik. In expressiven Segmenten spielte er intensiv, dennoch selten primär kraftvoll, nie protzig.

Als Zugabe präsentierte Redkin Rachmaninows Étude-Tableau Nr. 1 in c-Moll, ein hochvirtuos dahinflirrendes Stück mit perlenden Tongirlanden. Allein schon die Wahl der Zugabe nach dem kräftezehrenden Klavierkonzert war erstaunlich!

Nach der Pause schloss sich Temirkanovs Auswahl von Sätzen aus Tschaikowskys Nussknacker-Ballett an, von der Szene Im Zauberschloss von Zuckerberg, Clara und der Prinz, das Divertissement, hin zum obligaten Blumenwalzer, und dem abschließenden Pas de deux. Das Orchester lebte in und mit dieser Musik, vermied jedoch übermäßige Süße. Wieder dominierte der Schwung, war das Musikantische wichtiger als die allerletzte Präzision und Klarheit. Im Pas de deux drohten gelegentlich Verluste beim Schwung, doch nach dem Tanz der Zuckerfee schien die Coda gleichsam patriotische Gefühle zu wecken. Durchwegs ein Publikumsliebling, lebendig und farbenvoll musiziert.