Zweimal Russisches hatten die Münchner Philharmoniker mit ihrem Chefdirigenten Valery Gergiev in der Philharmonie des Münchner Gasteigs auf dem Programm und kombinierten Tschaikowskys traumhaft schöne Melodielinien des Ersten Klavierkonzerts mit dem verstörend-anklagenden Realismus der Fünften Symphonie Schostakowitsch. Dass Gergiev letzteres Werk deutlich mehr interessierte, kann man durchaus nachvollziehen, dass er sich aber beim Klavierkonzert auf die Routine mit seinem Orchester verlässt, war insofern ärgerlich, weil die Philharmoniker mit Behzod Abduraimov einen Solisten an der Seite hatten, der mit seiner Hochspannungsinterpretation so überhaupt nichts mit eingestaubter Repertoirewiedergabe am Hut hatte.

Behzod Abduraimov © Nissor Abdourazakov
Behzod Abduraimov
© Nissor Abdourazakov

Burschikos entfaltete der Usbeke seine virtuos zugespitzte Lesart der Partitur, die mit messerscharfen und stahlklaren Läufen geradezu zu überwältigen drohte. Dennoch blieb Abduraimov maßvoll, eröffnete das Konzert feierlich, nicht brachial und gestaltete die Griffwechsel und Oktavläufe mit süffiger Eleganz. Viel Platz für Lyrisches blieb dabei nicht, blitzte aber an den richtigen Stellen durch, auch weil Abduraimov das Talent besitzt, Stimmungen blitzschnell zu verändern. Besonders im Andante semplice schuf er Raum für subtile, elegante Grübelei in großen erzählerischen Bögen. Das Finale war schließlich virtuoses Bravourstück in höchstem Tempo mit viel Effekt, das Abduraimov allerdings luftig und locker aus dem Ärmel schüttelte. Dieses pianistische Feuerwerk begleitete Gergiev mit klanglich matten Philharmonikern, die Gergiev mit rasanten Tempi durch die Sätze peitschte, ohne aber wirklich ein Ziel zu verfolgen und sich auf die einzelnen Stimmgruppen einzulassen. Auch die Energieleistung, die Abduraimov am Flügel ablieferte, erreichte Gergiev mit seinem Orchester nicht einmal annähernd. Diese interpretatorische Diskrepanz übertrug sich schließlich zwangsläufig auch auf das Zusammenspiel, das im Kopfsatz passagenweise schier aneinander vorbeilief.

In der zweiten Hälfte war von dieser Kapellmeisterei nichts mehr zu spüren. Die Scheinkonformität mit dem sowjetischen Musikideal, die Schostakowitsch in seiner 1937 uraufgeführten Fünften Symphonie in irrlichterne Klangfarben eingefasst hatte, interpretierte Gergiev als gespenstische Radikalmusik, die mit sprödem Gestus den hohlen Pathos der Musik entlarvte. Konduktartig entwickelte Gergiev bereits zu Beginn des ersten Satzes die scharfen absteigenden Doppelpunktierungen und entfaltete das dichten Klanggewebe des Kopfsatzes sehr organisch zum düsteren Blechbläserhöhepunkt, bevor der Satz im feinen Celestageläut verlöschte. Obwohl diesmal der Zahnstochertaktstock fehlte, überraschte Gergiev, indem er sich ohne Podest und Partitur quasi unter die Musiker mischte. Dadurch war die Kommunikation mit seinem Orchester allerdings ungemein direkt. Das Allegretto vibrierte mit flotten Ländlergrotesken, gespenstiger Klangtransparenz und bildete damit einen lebhaften Kontrast zu dem folgenden Largo, das die Philharmoniker denkwürdig als aschgraues, fahles Niemandsland inszenierten, ohne irgendetwas an dieser resignativen Seelenmusik glätten zu wollen. Dabei entwickelten die Philharmoniker ungeheure Klangfarben, die zwischen Bruckner-Adagio und symphonischem Film noir alles anzubieten hatten. Das Finale wurde schließlich zum Spießrutenlauf mit gewagten, aber präzisen Temporückungen, der mit stählern-strahlendem Blech schnurstracks auf das leere Jubelfinale zulief. Auf die brachialen Paukenschläge folgte bei Gergiev keine Schlussakkordapotheose, sondern ein trockenes, knappes Abreißen, das man sicherlich unkonventionell nennen kann – interpretatorisch aber eine schlüssige Lösung, bedenkt man den historischen Hintergrund der Musik.

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