Metallisch-militärisch brach der erste Satz des Klavierkonzerts Viktor Ullmanns über die Zuhörer im Münchner Herkulessaal herein. Wie eine düstere Vorahnung verarbeitete der Komponist den Einmarsch der Deutschen in Prag und den nahenden Nazi-Terror, der ihm als Künstler mit jüdischen Wurzeln bevorstand. Sein Konzert wird nicht mehr aufgeführt werden können, da Ullmann bereits mit einem Berufsverbot belegt und seine Musik als verfemt gebrandmarkt wurde. Wie Ironie des Schicksals scheint es, dass uns heute vor allem seine Kompositionen aus dem Theresienstädter Ghetto überliefert sind, die Ullmann akribisch archivierte, bevor er 1944 ins KZ Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde.

Danae Dörken © Giorgia Bertazzi
Danae Dörken
© Giorgia Bertazzi

Die Münchner Symphoniker hatten Danae Dörken, die bereits vor einigen Jahren gemeinsam mit den Symphonikern musiziert hatte, als Solistin für dieses selten gehörte Werk eingeladen. Die musikalische Sprache, die Ullmann in seinem kompakten, viersätzigen Klavierkonzert findet, ist neben der militärischen, dissonanten Einleitung an vielen Stellen verblüffend melodisch und besonders im dritten Satz jazzig-grotesk. Mit repetitiven Streicherfiguren, die sich auch im Klavierpart wiederfinden, baut Ullmann im ersten Satz eine bedrohliche Kulisse, die jedoch im lyrischen zweiten Satz von einem suchenden Intermezzo abgelöst wird.

Dörken genoss die bissigen Staccati, die fließende Lyrik und die kleinen effektvollen Passagen, die sie sehr organisch zu verbinden vermochte. Genauso variabel gestaltete Dörken ihren Anschlag, der mal hartnäckig und mit Nachdruck, mal weich und träumerisch die Partitur ausdeutete. Dabei scheute sich die gebürtige Wupptertalerin nicht davor, auch mal ein gewisses Risiko einzugehen und die versetzten Rhythmen des dritten Satzes scharf aufeinanderprallen zu lassen.

Die Münchner Symphoniker unter der Leitung ihres Chefdirigenten Kevin John Edusei interpretierten das Werk sehr emotional, wie sich bereits im ersten Satz mit kräftigen Blechbläsern abzeichnete. Dennoch balancierte Edusei den Klang der Symphoniker genau aus und gestaltete das Klavierkonzert sehr detailreich. Wie ein kleines Fenster in die Vergangenheit offenbarten die Münchner Symphoniker einen Blick auf die avantgardistische Musik in Deutschland, die vom Totalitarismus der Nationalsozialisten abrupt niedergewürgt wurde.

Auch die Werke des zweiten Komponisten des Abends waren während der Nazi-Zeit marginalisiert und als „degeneriert“ bezeichnet worden. Mit seiner Fünften Symphonie legte Gustav Mahler den Grundstein für seine folgenden Symphonien, die auch die nachfolgende Komponistengeneration um Arnold Schönberg stark beeinflussen sollte.

Wie eine große fließende Bewegung gestaltete Edusei die fünfsätzige Symphonie, die er ganz puristisch von jeglichem Mahlerpomp befreite. Trotz der flotten Tempi gelang es Edusei, die musikalischen Gegensätze unaufgeregt und mit großer Ruhe zusammenzuführen. Die Münchner Symphoniker klangen erdig und farbenreich mit klangstarken Blechbläsern und großartigen Solisten. Bewusst schwerfällig entwickelte Edusei den Trauermarsch, der dunkelschwarz die Symphonie eröffnete. Im zweiten Satz jedoch zeigte sich schon sehr deutlich das Jubelfinale, das den Zuhörer am Ende der Symphonie erwarten sollte. Der Vorwurf, seine Fünfte sei übervoll mit Ideen, die nur kaum mit einander verbunden sein, schien zumindest an diesem Abend widerlegt.

Die gespenstischen Walzer des ausladenden Scherzos interpretierten die Symphoniker mit augenzwinkerndem Witz und großer kammermusikalischer Qualität. Im anschließenden Adagietto entwickelten die Symphoniker eine große Tiefe, sodass der vierte Satz mit großen Linien und klarer Transparenz zu den Höhepunkten des Abends gehörte. Im abschließenden fünften Satz, dem Rondo-Finale, schlossen die Symphoniker den Bogen zum Scherzo, gestalteten den Satz ebenso launig und führten zum apotheotischen Finale, das Edusei vielleicht ein wenig zu kontrolliert abschließen ließ, was der spannenden Interpretation allerdings keinen Abbruch tat.

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