Das Label „Neu“ trifft auf keines der Werke zu, die Vilde Frang & Friends in der Tonhalle Maag präsentierten. Dennoch sind die Kompositionen entweder weitgehend unbekannt, selten gespielt, oder trotz Rentenalter immer noch neu klingend. Wer sich allerdings von Veress' Trio als Eingangshürde nicht abschrecken ließ, dem bescherten die Aufführenden dieses Abends ein wahrlich hinreißendes und prägendes musikalisches Erlebnis.

Vilde Frang © Marco Borggreve
Vilde Frang
© Marco Borggreve

Zur Eröffnung also das Streichtrio von Sandor Veress, der zweifelsohne mit der Art provozieren wollte, in der er das Zwölfton-Thema als Sequenz sehr dissonanter Intervalle präsentiert. Aber es lohnte sich bereits hier, genau auf die Intervalle hinzuhören. Sehr fein und subtil, weich artikuliert, gänzlich ohne Vibrato und glockenrein in ihrer Dissonanz, versetzten einen diese Klänge unmittelbar in eine andere Welt, das Überschreiten des Acheron – „Vergesst, was Ihr von der Welt in Erinnerung habt!“. Wenn darauf die Violine ihre Melodie präsentierte – jetzt vibrierend expressiv, trotz ruhig schreitendem Zeitmaß – konnte man diese trotz strenger Atonalität durchaus als gesanglich empfinden. Zugleich verlor sich gar der Eindruck von Dissonanz, sofern man die Musik an sich heranließ. Die Intervalle des Eingangsthemas blieben unterschwellig präsent, tauchen erst gegen Schluss wieder in originaler Form auf. Vilde Frang, Lawrence Power und Nicolas Altstaedt agierten kongenial: perfekte Kontrolle von Ton, Affekt, Balance und Dynamik, bis hinunter zum feinsten Flageolett auf der sordinierten Violine. Musik reinster Art, losgelöst vom Getümmel des Alltags, aus einem Geiste dargeboten.

Ganz anders ist das pointierte und jazzy Allegro molto mit seinen synkopierten Rhythmen, das auf der Stuhlkante musiziert wurde. Ein virtuoses Springbogen-Laufwerk in ausgezeichneter Koordination, das hinreißend, makellos intoniert, und voller Spannung in ruhigen Momenten, in denen man eine Stecknadel hätte fallen hören, musiziert wurde.

Im Quartett von Arensky gesellte sich Jan-Erik Gustavsson für eine ungewöhnliche Quartettbesetzung mit zwei Celli zum Ensemble. Anlass für das Werk war der Tod Tschaikowskys. Im Eingangssatz äußert sich dies in der Verarbeitung liturgischen Gesangs, die verhaltene Bratsche dient als Vorsänger, die anderen tieferen Instrumente tiefer als Chor des orthodoxen Messgesangs. Die Melancholie setzt sich fort, wenn die Violine ihr trauriges Lied anstimmt. Emotionen keimen zeitweilig auf, dann fällt der Satz zurück in Sehnsucht, Verlangen, Wehmut. Beständige Stimmungswechsel prägen die Musik; rasche, virtuose Episoden werden von liturgischen abgelöst. Es herrscht eine igentümlich geheimnisvolle Atmosphäre, wenn das sordinierte Cello gegen Schluss die Melodie übernimmt. Die Musiker zeigten eine ausgezeichnete Koordination durch alle Tempo- und Affektwechsel und perfekte Klangkontrolle. Der zentrale Satz verarbeitet ein Thema aus Tschaikowskys Kinderliedern. Die Variationen wurden von verhalten bis schwungvoll-virtuos, meisterhaft interpretiert. Bemerkenswert war die vierte Variation, die mit ihren Pizzicati an das Scherzo der Vierten von Tschaikowsky erinnert, sowie die Coda mit ihrem Äolsharfen-Flageolett und dem gehauchten Verklingen am Schluss. Auch das Finale beginnt liturgisch, zitiert ein orthodoxes wehmütig-sehnsüchtiges Requiem. Danach jedoch fand sich der Hörer plötzlich in der Klassik wieder. Arensky verwendet mit „Russkaya narodnaya pesnya“ („Chant national“) dasselbe Thema wie Beethoven im Allegretto seines Quartetts Op.59 Nr.2, und selbst in der fugierten Faktur scheint Beethoven Pate gestanden zu haben. Das Ensemble musizierte mit großer Emphase und nach einer kurzen, liturgischen Episode endete das Werk sehr virtuos und brillant-furios.

In ihrer Art war jede der Kompositionen ein einzigartiges, eindrückliches Erlebnis. Dennoch setzte das Streichoktett von Enescu dem Abend die Krone auf. Diese Musik packte von der ersten bis zur letzten Note. Mit Tai Murray, Gregory Ahss, Rosanne Philippens und Lily Francis als zusätzliche Stimmen scharte Vilde Frang ein hochkarätiges Ensemble um sich. Sie selbst hielt sich am ersten Pult sehr zurück, drängte sich nirgends vor. Oft schien Lawrence Power an der Viola die Führungsrolle innezuhaben und sein wohlklingendes Instrument hob sich klanglich am ehesten von den anderen ab. Aber eigentlich bedurfte das Ensemble gar keiner Leitung, denn alle Musiker trugen gleichermaßen zum Erfolg bei. Enescus Werk ist schlicht hinreißend, auch ergreifend, von einer spätromantischen Ausdrucksbreite sondergleichen, von hochvirtuoser Emphase bis hinunter zum kaum Hörbaren, in dem die Melodie nur noch zu erahnen ist. Gelegentlich fühlte man sich an Dvořák erinnert, dann wieder gibt Enescu der esten Violine eine tänzerische Melodie von berückender Schönheit – man muss schon ein Herz aus Stein haben, um sich von dieser Musik nicht ergreifen zu lassen. Das Très fougeux war sehr rasch, virtuos, die Koordination phänomenal. Tiefe Einfühlsamkeit herrschte im sehr intensiven, atmosphärischen Lentement. Nirgends gab es eine Spur von Unruhe, bis sich die Stimmung verdichtete. Nach einer kurzen Erinnerung an den Eingangssatz zogen dunkle Wolken auf, und der Schlusssatz brach herein mit der Heftigkeit eines Gewitters, getrieben von motorischen Pizzicati, mit äußerst leidenschaftlichen Melodiefragmenten. Am Schluss gab es noch eine kurze, heftige Coda, die das Publikum sprach- und atemlos zurückließ.