„Was ich zu Bachs Lebenswerk zu sagen habe: Hören, spielen, lieben, verehren und – das Maul halten!” (Albert Einstein, 1928). Es gibt glücklicherweise auch andere Möglichkeiten, mit der Musik Bachs umzugehen. In den 80er Jahren war ich wie besessen von Jacques Loussier und seinem Trio, welches die Werke Bachs auf eine verwegen neue Art präsentierte. Das Ensemble Resonanz führte Bachs Weihnachtsoratorium in diesem Jahr online als zeitgenössische Hausmusik auf. Es gab keinen Chor, die Choräle wurden von den vier Solisten und den Musikern gesungen. Für die äußerst kleine Besetzung mit nur acht Streichern, einer Trompete, Gitarre und Keyboards hatte Resonanz dreißig Arien, Rezitative und Choräle aus den sechs Teilen von Bachs Meisterwerk ausgewählt. Die Noten der Partitur blieben dabei unangetastet, aber die Bearbeitungen für u.a. E-Gitarre und Hammond-Orgel sorgten für klangliche Überraschungen.

Ensemble Resonanz © Gerhard Kühne
Ensemble Resonanz
© Gerhard Kühne

Für neugierige Neueinsteiger in die Welt der Klassik war dies eine willkommene Chance, einen zwanglosen Überblick von diesem wohl am meisten gespielten Werk Bachs zu bekommen. Für jeden Feiertag rund um Weihnachten (zu Bachs Zeiten gab es noch drei Weihnachtsfeiertage, Neujahr, den Sonntag nach Neujahr und den Festtag der Heiligen Drei Könige) hatte Bach je eine Kantate geschrieben. 

Der Hamburger Hausmusikabend war aber wegen der oft langsamen Tempi nicht nur leichte Kost. Trotzdem zeigte dieses Crossover-Experiment dank Gitarre und Keyboard, wie lebendig die Musik des alten Meisters klingen kann. Vor allem das engagierte Spiel der eigenwilligen Musiker machte diesen Stream der Elbphilharmonie in Hamburg, dessen Residenz-Ensemble Resonanz ist, zu einem beflügelten Weihnachtserlebnis. 

Das Konzert begann vielversprechend mit dem Choral „Jauchzet, frohlocket” vom Plattenspieler. Langsam setzten die Mitwirkenden im Hamburger Resonanzraum nacheinander zur alten Aufnahme mit ein, und formten diese nach und nach zu ihrem eigenen Oratoriumsklang um. Ein großer Adventskranz mit brennenden Kerzen und Sesseln aus den 70er Jahren sorgten für Weihnachtsstimmung und das passende Ambiente. 

„Ich will nur Dir zu Ehren leben” war dank der leicht swingend punktierten Achtel der Geigen die spannendste Arie des Abends. Tenor Benjamin Glaubitz, der als Evangelist in den Rezitativen die Weihnachtsgeschichte mit schauspielerischer Bravour erzählte, war auch hier wohlklingend präsent. Die E-Gitarre von Johannes Öllinger steuerte im wiederholten A-Teil einige Wah-Wah-Effekte hinzu und bescherte dem Publikum damit einen der mitreißendsten Momente dieses Hausmusikabends. Ebenso herausragend war die Arie „Flößt, mein Heiland”, in der wiederum die Gitarre einfühlsam die Oboenstimme spielte. Hanna Herfurtner sang dieses Zwiegespräch mit gefühlvoller Stimme und Mimik. Das Echo (die antwortende Stimme des Heilands) kam dramaturgisch überzeugend aus den Kulissen.

Auch Rowan Hellier (Alt) und Simon Schnorr (Bariton) sangen ihre Arien stimmungsvoll. Darüber hinaus fügten sie sich perfekt in die Choräle ein, die von Hellier dezent dirigiert wurden. 

Alles in allem war dies ein Konzertabend, der Mut machte, Bachs Weihnachtsoratorium einmal selbst im häuslichen Kreis zu musizieren. Die außergewöhnliche Besetzung bewies einmal mehr, dass engagiertes Musikmachen der eigentliche Schlüssel zum Genuss klassischer Musik ist und bleibt.

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