Mit einer Laterne in der Hand führt der Diener des Grafen Almaviva einige Musikanten vor das Haus, in dem Dr. Bartolo mit seinem Mündel Rosina wohnt, denn dieser jungen Dame will Almaviva ein Ständchen bringen. In der Inszenierung von Fabio Cherstich am Teatro Municipale, Reggio Emilia hat er zwar eine Laterne unserer Tage in der Hand, eine Taschenlampe, aber immerhin: ein solcher Beginn ließ eine sehr textnahe Inszenierung erwarten. Wenn Almaviva auftritt, glaubt man sich sogar in die Theaterwelt der Commedia dell'arte versetzt. Mit weiß geschminktem Gesicht und einem gelb-weiß gestreiften Fantasiekostüm betritt er die Bühne. Nun liegt die Zeit der Commedia dell'arte lange vor Rossini, aber sie ist immerhin eine Komödienspielart und passt insofern zum Barbier. Außerdem tritt Almaviva hier auch noch inkognito auf als ein gewisser Lindoro, das Kostüm ließe sich also als Verkleidung deuten, doch dann müsste er irgendwann in der Oper auch unverkleidet und ohne weiß geschminktes Gesicht auftreten. Das aber ist nicht der Fall. Zudem müsste im Stil der Commedia dell'arte Bartolo als Witzfigur auf die Bühne kommen, er aber ist ein seriös gekleideter älterer Herr und Figaro trägt ein höfisches Kostüm des 18. Jahrhunderts.

Il barbiere di Siviglia
© A. Anceschi

Schon das zeigt den Charakter dieser Produktion. Es ist eine Inszenierung der unzähligen Einfälle, und manche sind brillant. Wenn Don Basilio, Rosinas Gesangslehrer, seine Verleumdungsarie ertönen lässt, und Guido Loconsolo macht das mit urgewaltiger Stimme, dann erzittert auf dem Höhepunkt der Arie, die die Folgen einer solchen Verleumdung skizziert, die ganze Bühne und es krachen die Balken. Und dass sein Gesicht rot geschminkt ist, als wäre er der Leibhaftige, macht auch Sinn, denn sein Vorschlag, Almaviva zu verleumden, hat etwas Diabolisches. So kommt er auf die Bühne denn auch aus dem Untergrund durch eine Türluke im Bühnenboden. Wenn Figaro sich als Faktotum der ganzen Stadt vorstellt, dann lässt er sich seine Armmuskeln massieren, damit er seine zahlreichen Barbieraufgaben auch bewältigen kann.

Pablo García Ruiz (Dr. Bartolo)
© A. Anceschi

Vieles freilich bleibt auch reiner Gag, dessen Deutung sich nicht erschließt. Warum von der Decke ein Flügel herunterhängt, ist unerfindlich. Auch die Funktion eines gelben Pferdes, das mal durch die Lüfte schwebt, mal Rosina als Sessel dient, bleibt ein Rätsel. Von der Form her erinnert es an Pegasus, doch dann hätte es Flügel haben müssen; auch als Trojanisches Pferd ließe es sich symbolisch deuten, denn Almaviva verschafft sich ja verkleidet Zutritt zu Bartolos Haus, doch dann müsste es fest auf dem Boden stehen. Dass ein Bühnenarbeiter ständig Tische und Treppen sauberwischt, trägt zur Handlung nichts bei. Die Inszenierung ist ein Stilmix, in dem auch Revuetheater nicht fehlt. Das passt zwar zu Figaros Auftrittsarie, einem wahren Showpiece, aber es trägt auch zur szenischen Verwirrung bei. Vor allem führt es dazu, dass die Figuren allzu theatralisch gestikulieren, was einer Charakterisierung nicht gerade zuträglich ist. Brillant freilich ist das Bühnenbild, das letztlich nur aus Vorhängen und einigen Requisiten besteht. Dadurch gelingen rasante Szenenwechsel, alles geht nahtlos ineinander über.

Michela Antenucci (Rosina)
© A. Anceschi

Dass dennoch eine in sich geschlossene Aufführung entstand, ist der musikalischen Seite zu verdanken. Schon in der Ouvertüre zeigte Dirigent Leonardo Sini, dass er die Partitur minuziös genau gelesen hat und jede dynamische Veränderung genauestens befolgte. Pablo García Ruiz ist ein idealer Bariton für Dr. Bartolo, der brillant das rasante Parlando bewältigte, das Rossini seinen Sängern zumutet. Auch wenn der Bariton von Simone Del Savio ein wenig zu schwer für die Rolle ist, gab er einen quirligen Figaro. Vor allem aber das Liebespaar zeigt Rossinikultur in Exzellenz. César Cortés verfügt über einen schlanken hellen Tenor, der vorzüglich Kantilenen und Koloraturen meisterte, desgleichen Michela Antenucci, deren Mezzosopran zu herrlich leuchtender Höhe fähig ist. Wenn die beiden im Terzett im zweiten Akt eine mit Koloraturen gespickte Duettpassage singen, dann sind sie perfekt synchron – musikalisch ein Genuss und szenisch Ausdruck perfekter Harmonie zwischen den beiden Liebenden. Insgesamt ein Genuss für die Ohren.


Die Vorstellung wurde vom Livestream auf OperaStreaming rezensiert.

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