Himmlische Heerscharen: seit Jahrhunderten beflügeln sie unsere Fantasie. Eine Rangordnung teilt sie in Engel und Erzengel; Mittler zwischen Himmel und Erde können sie sein, frohe Botschaft und unausweichliches Schicksal verkünden. Barocke Baumeister haben sie als pausbäckig verschmitzte Putten in die reich verzierten Gewölbe ihrer Dome eingefügt, Maler sie als kriegerische Kämpfer den Sieg über das ewig Böse erringen lassen. Kein Wunder, dass Engel die Komponisten zu jeder Zeit inspirierten: kräftig Halleluja singend vor Gott ebenso wie mit schützender Hand den Menschen nah.

VOCES8 mit Rachel Podger © Libby Percival
VOCES8 mit Rachel Podger
© Libby Percival

Seit 2005 besteht das britische Vokalensemble VOCES8 in seiner jetzigen Form mit acht Vokalisten, je zwei in jeder Stimmgruppe. Eigentlich fast ein Kammerchor, steht ihnen damit die weite Palette von doppelchörigen und achtstimmigen Liedkompositionen offen, darüber hinaus gibt es inzwischen unzählige Bearbeitungen sowie Auftragskompositionen, die den britischen Sängern auf die Kehle geschrieben sind. VOCES8 hat sich zu einer der erfolgreichsten Vokalgruppen Englands entwickelt und auch auf Tourneen über das europäische Festland und in den Vereinigten Staaten viele treue Anhänger. Mit einer eigenen Stiftung fördern sie Nachwuchs-Chöre. Andrea Haines, erste Sopranistin, ist seit 2008 im Ensemble, Barnaby Smith als Countertenor und Leiter bereits seit der Gründung. Die übrigen Sängerinnen und Sänger sind in den letzten fünf Jahren zur Gruppe gestoßen; um das Klangspektrum der Mittelstimmen noch zusätzlich auszubauen, ist mit Katie Jeffries-Harris der erste Alt nun auch durch eine Frauenstimme besetzt. Wegen ihrer Erkrankung hatte an diesem Konzertabend der frühere Countertenor Chris Wardle ihren Part übernommen.

Mit einem Live-Konzert eröffneten VOCES8, zusammen mit der Barockgeigerin Rachel Podger, das vorweihnachtliche Online-Chor-Festival Live from London aus dem VOCES8 Centre (St Anne and St Agnus). Der ehemalige Kirchenraum mit seiner dunklen Holzvertäfelung wurde durch Kerzenlicht warm erleuchtet, die Sänger bildeten einen Halbkreis, mischten sich zwischendurch immer wieder neu in Gruppen. Mehr als 900 Musikliebhaber hatten sich hinzugeschaltet. Die Programmfolge unter dem übergreifenden Aspekt „A Guardian Angel“ verband geschickt vertraute Advents- und Weihnachtsmotetten mit meditativen Reflexionen zur Schutzengel-Metapher in zeitgenössischen Werken. So verzauberte bereits Michael Praetorius' einleitende Motette Es ist ein Ros entsprungen in der fast unglaublichen Dichte des Stimmengewebes, dessen Wortdeutung und Klangentwicklung gleichermaßen durch alle Sänger getragen wurde. Dabei wirkte der musikalische Fluss nicht aufgesetzt oder künstlich, sondern völlig natürlich in intensiver Klangrede, welche die Rosenknospen in Stefan Claas' Bearbeitung von Maria durch ein Dornwald ging berührend aufblühen ließ.

In Felix Mendelssohn-Bartholdys Oratorium Elias ist der Moment, in dem Elias auf die schwierige Mission zur Einigung der Israeliten gesandt wird, eine typische Schlüsselszene der segensreichen Begleitung durch einen Schutzengel: Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir. Da ließ das hohe Stimmquartett die Himmelsboten Hilfe verkünden, in fast überirdisch reiner und klarer Höhe, die Männerstimmen die menschliche Bedeutung des „nicht an einen Stein stoßen“ verstehen; zu ruhigem Selbstvertrauen fanden sich beide im abschließenden langen Ritardando.

Wie wohl Engelsstimmen klingen? Vielleicht wie die neunte Stimme von VOCES8, die Rachel Podger mit ihrer Violine in die vokale Ausgewogenheit einband. Schon bei den alten Angelus-Sätzen hatte sie wie selbstverständlich im Halbrund der Voces ihre Stimme eingebracht, neue Klangfarben aufleuchten lassen. In Men and Angels des 1948 geborenen Alec Roth wechselten hohe und tiefe Stimmen ab im „here above“ und „here below“, flogen Geigenmotive, die Roth speziell für Podger in das Werk komponierte, zwischen Himmel und Erde gleichermaßen pointiert wie zart hin und her. Mit Andacht konnte man auch Podgers Bearbeitung von Johann Sebastian Bachs Flötenpartita a-Moll verfolgen, deren Sätze ausdrucksvoll die modernen Kompositionen einrahmten.

Da muss neben einer vollendeten Hymn to the Virgin (Britten) von Jonathan Dove's The Three Kings aus dem Jahr 2000 berichtet werden, die Wiegenlied und königliche Geschenke zur Krippe brachten. Und Owain Park's Antiphon for the Angels, die 2018 für VOCES8 und Rachel Podger geschrieben worden war: da strahlten alle Stimmen wie himmlisches Licht aus Dichtungen von St. Ambrosius sowie Hildegard von Bingen, wo die Engel zum ewigen geisterfüllenden Licht für die Sehnsucht der Gläubigen werden. Adveniat – so möge es eintreffen!


Die Vorstellung wurde vom Stream des Festivals Live from London Christmas rezensiert.

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