Nach einer ausgedehnten Tournee Händels selten aufgeführter Oper Partenope beschließt das Ensemble Les Arts Florissants sein Jahr mit einer weiteren Händel-Rarität auf der Bühne: dem Oratorium L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato. Manchmal wird es auch als Pastoral-Ode bezeichnet, da es im eigentlichen Sinne keine Handlung oder charakterlichen Figuren besitzt, sondern einen allegorischen Wettstreit darstellt, den Händel nutzte, um den Spielplan mit Aneinanderreihungen beliebter Arien, Chöre und Lieblichkeiten zu füllen, verbunden mit gleichzeitiger Ehrung des englischen Favorit-Poeten John Milton. Dessen Vorlage über die Heiterkeit und das Nachdenkertum veranlasste Händels Hauslibrettisten Charles Jennens über 100 Jahre später zu seinem Text, dem sich für die Vertonung mit der Mäßigung ein dritter, kurzer Epilog anschloss, den man im juristischen Sprachgebrauch als vermittelnde Theorie, also den Mittelweg beider konkurrierenden Ansichten, betitelte.

William Christie
© NTR ZaterdagMatinee

Dirigent William Christie wählte das Stück – natürlich auch wegen seiner Sopran-Air „Or let the merry bells ring round“ in aufgehendem Chorus „And young and old come fourth to play“ – als ausklingendes Beispiel zum modernen, musik-versöhnlichen Mindset für die winterliche Festzeit, in der der besinnliche Frohsinn die Gedanken bestimmt oder bei vielleicht aller individuellen Schwermut durch persönliches Schicksal im Moment oder der Rückschau in einem wieder recht merkwürdigen Jahr doch irgendwie bestimmen sollte.

Rachel Redmond, James Way und William Christie
© NTR ZaterdagMatinee

Schicksal und Merkwürdigkeiten betrafen das Unterfangen eben dieser Tour mit Händels Ode, die Christie erstmals jetzt zugleich auf CD realisiert und wegen neuer Coronamaßnahmen dennoch überhaupt in Angriff nehmen konnte. Fiel solchen Regeln nämlich das geplante Konzert in Antwerpen zum Opfer, konnte die Aufführung für die NTR Zaterdagmatinee in Amsterdam noch stattfinden. Umso greifbarer wirkten daher die Affekte übermittelter Einstellungen der schieren Freude und der Bedächtigkeit, die Les Arts Florissants in berührender theatralischer Intensität, himmlisch-menschlicher Symbiose und beherztem, glückseligem Musizieren darbot. Wie die Beleuchtung des Concertgebouws in sattem Rot oder herrlichstem Gold gleich Händels Werk begeisterte Christies Interpretation darin mit dramatischem Farbenspiel, Balance, Dynamik und dem Gespür für Wettkampf – und zwar mit der Direktheit lautmalerischer und psychisch ernstgenommer Offenheit sowie trotzdem im Ganzen mit der großen Portion Augenzwinkern. Gleich die straffe, superschnelle Ouvertüre, für die der Dirigent in Übereinstimmung zu Händels Premiere 1740 ein Concerto grosso, Op. 6, sinnigerweise den ersten Satz der so überschriebenen Nr. 10, aussuchte, legte den Grundstock für die Erfüllung von Wunsch, Anspruch und Erwartung. Dabei hielt Christie dort und über die gesamte Oratoriendauer entweder die gestrengen Zügel der LAF-Barockpferdestärken zwecks kernigen Ausdrucks in der Hand oder gewährte seinen einstudierten Instrumentalsolisten (allen voran „Vogel“-Flötist Serge Saitta, „Liturgie“-Organistin Béatrice Martin, „Wald“-Hornist Glen Borling und „Sextolen-Orpheus“-Cellist David Simpson) jene freie, um sich selbst daran wunderlich zu ergötzen.

Clemens Schwarz
© NTR ZaterdagMatinee

Lachen sollte man und der Tenor – ebenfalls getreu der Uraufführung – zur Arie „Haste thee, nymph“ L'Allegros, in der es einen tatsächlich genauso wie James Way herzhaft schüttelte vor neckischer, lockerer, flüssiger und spitzbübischer Leichtigkeit des Seins. Ansteckend zudem sein schelmisches, sich auf alle Gegenargumente einstellendes, klares, gewinnendes Laissez-faire und sein diktionsgetragenes, spielerisches Ins-Vergnügen-Stürzen, auf den der Chor mit seinem lässigen oder festlich bestärkt zupackenden savoir chanter sprang. Die größte Waffe des Charmes setzte L'Allegro mit seiner kindlichen Unerschrockenheit und dem Unterbrechen jeder Melancholie ein, indem er einen Knabensopran – anders als von Händel selbst praktiziert, jedoch so einleuchtend in Bezug auf einleitend genannte Air und Chorus – vorschickte. Clemens Schwarz, 13-jähriges Mitgleid der St. Florianer Sängerknaben, stemmte dafür seine Hände in die Hüften und widersetzte sich den Mahnungen Penserosos mit herzaufgehender Ausstrahlung und lupenreinen Haltetönen. Das war bitter nötig, besaß Penserosos Gedankenreich durch Rachel Redmonds verlockend phrasierten und intonierten glänzenden Hymnen des wohlig-schläfrigen Bewusstseins und zurückgenommenen Tatendrangs wahnsinniges Anziehungsvermögen. Andrew Foster-Williams als weisheitsautoritärer und trotz des leierigen Drückens von Stimme und Vibrato in baritonalen Höhen noch ausgeglichener Moderato verband beide Welten zum meditativ-sachlichen Lebenskompromiss aus Umsicht und Optimismus, den Way und Redmond im Duett schönst einträchtig schlossen und der Chor andächtig besiegelte.


Die Vorstellung wurde vom Livestream der NTR ZaterdagMatinee rezensiert.

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