Ein buntes Völkchen tummelt sich auf der Bühne in Lorenzo Fioronis Inszenierung am Nationaltheater Mannheim, und zwar quer durch alle Schichten. Es finden sich vornehme Herrschaften, Damen, die wirken, als wollten sie einen Ball besuchen, aber auch Menschen wie du und ich, die auf der Straße für die Liebe demonstrieren. Damit bringt Fioroni ganz spielerisch das auf die Bühne, was Rameau in dem von ihm selbst bald wieder gestrichenen Prolog zur Oper Hippolyte et Aricie zum Ausdruck brachte – die Auseinandersetzung zwischen Diane und Amour, erstere steht für Ordnung und legale Liebe, letzterer für Chaos und freie Liebe. Dass Amor gern seine Pfeile blind verschießt, kommt in Fioronis Fassung am Ende auch zur Sprache.

Hippolyte et Aricie
© Christian Kleiner

Und damit hat Fioroni denn auch gleich zu Beginn den Kern von Rameaus Oper getroffen, denn Phèdre, die zweite junge Gattin von König Thésée hat sich in dessen Sohn, ihren Stiefsohn also, verliebt, der allerdings diese Liebe nicht erwidert, sondern seinerseits Aricie begehrt. Selbst schuld, befindet Phèdres Amme Oenone in einem kurzen Abriss der Vorgeschichte, wer eine viel jüngere Frau heiratet und sie zu lange allein lasse, müsse damit rechnen. Coronabedingt wurde die Inszenierung gekürzt und mit knappen Zwischentexten versehen, was der Kohärenz des Ganzen allerdings keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Die Kürzung betrifft auch den ganzen Handlungskomplex um Thésées Vater Neptun, was den Götteranteil der Geschichte angenehm auf Jupiter und Diane konzentriert.

Hippolyte et Aricie
© Christian Kleiner

Phèdres Liebe ist aus Sicht der Gesellschaft und der Moral verwerflich, sie wird denn auch am Ende Selbstmord begehen, wird aber nicht, und das ist bedeutsam, von der Gesellschaft oder den Göttern bestraft, vielmehr wählt sie  den Freitod, weil ihre Liebe nicht erwidert wird, also aus rein emotionalen Gründen, und wer die Musik genau betrachtet, die Rameau dieser Figur gewidmet hat, fragt sich, ob ihre Liebe nicht die eigentlich wahre ist. Sophie Rennert lotete die Bandbreite dieses Gefühlslebens fulminant aus, mit einem vollen Sopran gelangen ihr innige Liebesbekenntnisse ebenso wie rasender Zorn. Doch steht ihr ihre Kontrahentin um die Liebesgunst Hippolytes in nichts nach. Amelia Scicolone als Aricie verbreitete mädchenhafte Leichtigkeit mit herrlichen Koloraturen. Und Charles Sy konnte mit kraftvollem und zugleich lyrischem Tenor die schwierigen emotional Ausbrüche brillant meistern. Dirigent Bernhard Forck gelang eine wunderbar lebendige Realisierung der Partitur, die auch heute noch jede emotionale Regung nachvollziehbar macht.

Hippolyte et Aricie
© Christian Kleiner

Das Völkchen, das die Bühne füllt, setzt sich aber nicht nur aus den unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten zusammen. Fioroni kennt in seiner Inszenierung auch keine Epochengrenzen. So finden sich Figuren aus der Zeit Ludwigs XIV., aus der die Oper stammt, aber auch unsere Gegenwart ist vertreten. Wenn Hippolyte und Aricie fliehen wollen, dann tun sie es in einem feudalen Automobil unserer Tage. Immer wieder geistert eine Figur über die Bühne, die als Parodie auf Ludwig XIV. verstanden werden kann, die sich aber am Ende zugleich auch als Jupiter entpuppt, jenem Gott, der ja bekannt dafür ist, dass er sich gern in andere Identitäten verwandelt. In Fioronis Inszenierung greift alles logisch ineinander. Wenn Thésée in die Unterwelt zieht, um seinen Freund zu retten, dann meldet die Zeitung Le Figaro sein Verschwinden, wenn sein Tod bekanntgegeben wird, denn Unterweltchef Pluto will ihn nicht aus seinen Fängen lassen, geschieht das durch einen Nachrichtensprecher in barockem Gewand. Auch diese Zeitenmischung entspricht dem Wesen dieser Oper, denn mit ihr revolutionierte Rameau die durch seinen Vorgänger Lully in strengen Formeln definierte Gattung. Am Ende beginnt mit Hippolyte als Herrscher eine neue Zeit, so wollen es die Götter. Mit Filmeinblendungen wird die Zeit des Absolutismus, verkörpert durch Ludwig XIV. wie durch keinen anderen, beendet mit der Guillotine und der Revolution.

Hippolyte et Aricie
© Christian Kleiner

Und weil das Ganze in dieser Inszenierung ein Spiel mit Epochen und Gesellschaften ist, bringt Fioroni es auch als Spiel auf die Bühne. Requisiten und Garderobenständer wirken da zusammengewürfelt wie auf einer Probebühne oder in einer Requisitenkammer, alles scheint vorläufig und ist doch genau kalkuliert. Paul Zoller und Loriana Casagrande haben mit wenigen Elementen eine Bühne geschaffen, in der alle nötigen Anspielungen vorhanden sind, die Fassade von Schloss Versailles als Projektion, der Billardtisch Ludwigs XIV., aber auch ein Schminktisch heutiger Theatergarderoben. Große Liebe als theatralische Improvisation. Warum der Zuschauer allerdings eine Viertelstunde warten muss, bis die Musik beginnt und sich allerlei Volk auf der Bühne versammelt hat, bleibt unerfindlich.


Die Vorstellung wurde vom Stream des Nationaltheater Mannheim auf OperaVision rezensiert.

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