Auf den Monat genau vor 250 Jahren: Ludwig van Beethoven wird in der Kurkölner Stadt Bonn geboren; für das Musikkollegium Winterthur Anlass genug, in seinen Dezember-Konzerten den Komponisten ausgiebig zu würdigen. Mit dem langjährigen Gastdirigenten Mario Venzago hatten sie an diesem Abend einen vertrauten Leiter am Pult, der bereits vor vierzig Jahren „Hausdirigent“ des damals noch als Stadtorchester Winterthur firmierenden Klangkörpers war. Neben zwei Werken des Jubilars stellten sie zwei selten aufgeführte Solokonzerte des 20. Jahrhunderts in ihre bemerkenswerte Programmfolge, die coronabedingt vor leeren Parkettreihen im Stadthaus und nur wenigen Zuhörern stattfand, welche umso kräftiger Applaus beisteuerten.

Simon Höfele
© Marco Borggreve

Mit dem erst 26-jährigen Trompeter Simon Höfele hatten sie einen bereits international hochgeschätzten Starsolisten eingeladen: der aktuelle Preisträger des wichtigen deutschen Klassikpreises OPUS KLASSIK 2020 hatte seine Karriere mit der U21-Auszeichnung des Musikwettbewerbs der ARD begonnen und beeindruckt seitdem in den Publikums-wirksamen Konzerten von Haydn bis Hummel ebenso wie mit Dutzenden von Trompetenraritäten von Arutjunjan bis Zimmermann. Auch in Winterthur machte der „Junge Wilde“ seinem Markenzeichen alle Ehre, und bei der Fülle der Schattierungen von Klangfarben und Stimmlagen seiner Trompete ließ man sich solche seltenen Pretiosen gern präsentieren. In André Jolivets Concertino für Trompete, Klavier und Streicher von 1948 war es die Perfektion geradezu atemloser Tripelzungen-Staccati, die blechbläserischen Finessen melodischer wie dynamischer Stilvarianten, die im bezaubernden Recitativo von exotischen Pianissimoklängen mit Spezialdämpfer in die Jazzszene eines Miles Davis reichten. Im schwierigen Klavierpart, der sich neben der Trompete immer wieder ins Zentrum drängt, überzeugte die georgische Pianistin Marika Gelashvili, gefühlvoll in langsam schmachtenden Passagen und ebenso souverän bei den fingerbrecherischen Variationen der zentralen Kadenz.

Wie Jolivets Concertino ist auch Aaron Coplands Quiet City von intimem, kammermusikalischem Zuschnitt, fügt neben der Solotrompete eine Englischhorn-Stimme in das zehnminütige Streicher-Adagio ein. Aus einem wenig erfolgreichen Bühnenstück hatte Copland 1940 musikalische Episoden übernommen, in der ein junger Jude um seine Identität ringt, innerlich zerrissen seine Gedanken in den beiden Solostimmen wiederfindet, die nächtliche Stille der Großstadt mit wundervoll elegischen Kantilenen erfüllt. Eine Musik wärmender Ruhe sowie von auflodernder Leidenschaft in einer zentralen Klimax, in fantastisch aufregendem Zwiegespräch von Simon Höfele und Franziska van Ooyen vom Winterthurer Orchester, dessen Streicher ebenso in der atmosphärischen Dichte dieser Meditation sich klangopulent zu einem aufwühlenden Höhepunkt verschmolzen.

Trompetensignale sind auch zentrale Schicksalsmomente in Beethovens Zweiter Leonoren-Ouvertüre, wenn die Wiederbegegnung von Leonore und Florestan beinahe in deren Tod endet. Starke Paukenschläge am Anfang, dicht austastender Streicherklang im Gegenspiel zu bravourös aufblühenden Holzbläser-Motiven, schmetterndes Blech im furiosen finalen Jubel: Mario Venzago und das Musikkollegium gestalteten eine blutvolle Theatermusik, nicht des schönen Scheins, sondern der oft unschönen, gleichwohl sehr menschlichen Bühnen-Leidenschaften.

Solide, aber durchaus weniger charismatisch als der erste Programmteil, geriet Beethovens Vierte Symphonie an diesem Abend. Ein verhaspelter Auftakt brachte leichte Unruhe, dann gelang die geheimnisvolle Adagio-Einleitung, in ihrer Stimmung an die Leonoren-Ouvertüre erinnernd, mit großer Innenspannung. Venzago formte ein fabelhaft transparentes Klangbild der knapp vierzig Winterthurer Musiker, ließ neben filigranen Streicherlinien die Bläser konturenstark hervortreten; Kontraste zwischen Sforzati einzelner Instrumente und orchestralen Tutti-Keilen wurden wuchtige Akzente in Beethovens Werk, worin neben ausgelassenem Schwung und geistvollem Übermut einer frohen Lebensphase auch immer wieder Echos der benachbarten Symphonien aufklangen.

Schlank und anmutig, eher als Andante erklang das Adagio, blühte zart-melancholischer Schmerz auf in weichen Melodiebögen. Das bezaubernde Solo des Klarinettisten schimmerte durch das Rankenwerk der Streicher, gab geradezu intime Piano-Nuancen preis. Ein ausgelassenes Allegro vivace folgte, in dessen Trio eine neckische Harmoniemusik der Bläser aufspielte und wie in vertauschten Rollen die Geigen schelmisch antworteten. Hurtig und wie eine Huldigung an Mozart: Mario Venzagos abschließendes Allegro mit der launigen Spielerei harmonischer Eigenwilligkeiten und jähen Wechseln des thematischen Ablaufs.


Die Vorstellung wurde vom Livestream des Musikkollegiums Winterthur rezensiert.

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