Vielleicht mag man nicht genau wissen, wann und wo Josquin Desprez geboren wurde, welcher seiner Namen verwendet werden soll, wie er zu schreiben ist oder wirklich auszusprechen, sicher ist aber, dass der franko-flämische Komponist – wenn nach dem Zitat „Josquin ist der Noten Meister. Die andern haben's machen müssen, wie die Noten wollten. Bei ihm mussten die Noten, wie er wollte.“ zu urteilen – die größte Wertschätzung Martin Luthers genoss und sich sein Todestag 2021 zum fünfhundertsten Mal jährt. Anlass für die herausragende, bei mir nach einem Live-Erlebnis vor zehn Jahren bleibenden Eindruck hinterlassen habende, Vokalformation Stile Antico, einige der besten Werke für eine Jubiläums-CD-Ausgabe einzusingen. Wie es im Geschäft so üblich ist, stand die Release-Tour für den ersten Teil an, wozu – nach einem Streaming-Angebot für die UK-Premiere – nun das Boston Early Music Festival geladen hatte.

Stile Antico
© Boston Early Music Festival

Einigkeit besteht zudem darüber, welches Stück sich auf jeden Fall in der Bestenauslese behauptet, ja einfach zur Würdigung gehören muss: Josquins Missa Pange lingua, eine der verbreitetsten Vertonungen des Messordinariums seiner Zeit, die gleichzeitig mit der kompletten Durchimitation des Fronleichnamshymnus' Prinzipien implementierte, ohne die die folgende Musik des 16. Jahrhunderts nicht mehr auskam. Exklusive der Credo- und Sanctus-Sequenz sowie des Agnus Dei II stand die Messe natürlich im Mittelpunkt auch des Konzerts, dessen Programm ergänzt wurde um zwei Kompositionen von Hieronymus Vinders und Jacquet de Mantua.

Die Begrüßung zu dieser Feierstunde sendete uns Stile Antico im Ave Maria mit der strahlenden Freude des Soprans sowie der Leichtigkeit und Wärme aller Stimmen, die nicht nur zur besonderen Dankbarkeit und Gnade über die textliche Grundlage der Geburt des Herrn ineinandergriffen, sondern eben zum puristischen wie voluminösen Fest des vorzüglichen A-Cappella-Hochamts dieser zwölf Gesangsaposteln. Das Ensemble verhinderte in guter Tradition der strukturellen Linien der Musik durch ihre Dynamik und fließende Bewegung sofort das geringste Aufkommen oder – bei mir als Fan dieses Genres – gar Einstimmen in einen möglich selbst von Renaissance-Aufgeschlossenen geäußerten Vorbehalt über etwaige Eintönigkeit von melodischem oder expressivem Gehalt. Und – wie sich zeigen sollte – erzielte auch die Dramaturgie des Programms das Ergebnis, jegliches Vorurteil der fehlenden Rechtfertigung zu strafen und einen doch stattdessen erwünscht in Tonsprache und Atmosphäre versinken zu lassen. Mit dem Kyrie der Missa gelang ein noch festlicherer und lebendigerer Einstieg zum Einstieg in dieses Wunderwerk Josquins, das eine bestärkende Erbauung ausstrahlte, wenn mit dem Lebensweg Christi im untrennbaren Kontrast an die Schmerzen der Menschheit erinnert wird. Dies untermauerte das leiderfülltere Christe eleison, in das das zuvor noch nie aufgenommene Vivrai je toujours à 4 passte, in der die einfühlende Bitte nach der „Erlösung mit schönem Gesang“ angesprochen wird.

Entsprochen wurde dieser umgehend mit dem humorigen Chanson El Grillo, in dem die vier Sänger Text und Aufforderung mit lautmalerischer und farblicher Zugewandheit frönten. Gerade der wiederkehrende Kontrast machte das anschließende, reine, ruhende, insgesamt durch seine Mittellage geprägte Inviolata, integra et casta es Maria voll Stile Anticos zarter, andächtiger Anrufung und anrührender Phrasierung in Zwölfer-Besetzung zu meinem absoluten Highlight dieses Streams. Und gleich dieser Sequenz, als mit dem Gloria die Bewegung und Lebendigkeit Josquins Verfahrens in der kongruenten Übersetzung des Vokalensembles genauso bestaunt werden konnte wie die emotionale Kraft des Mille regretz und die biblisch-mathematische, tröstliche Perfektion der Salve Regina-Motette. Das klagend-kunstvolle Requiem Vinders' O mors inevitabilis und das theatralische Dum vastos Adriae fluctus von Schüler Jacquet, das dem Fluss des Lebens und Erbe Josquins huldigte, umrahmten Agnus Dei I und III der Missa Pange lingua, die hinaustrugen in die Vollkommenheit, die uns Komponist und dessen Interpreten hier hinterlassen haben.


Die Vorstellung wurde vom Stream des Boston Early Music Festivals rezensiert.

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