Unendliche Sehnsucht nach der perfekten Liebe und menschliche Abgründe vor der morschen Kulisse der museal-toten Stadt Brügge – auf den Tag genau 100 Jahre ist es her, dass das Wunderkind Erich Korngold sein Opernmeisterwerk mit nur 23 Jahren vollendete und an der Oper Köln uraufführte. Zum Jubiläum streamte diese nun eine neue Inszenierung der Toten Stadt und scheiterte an der Technik. Schade, denn musikalisch und inszenatorisch ließ der Abend aufmerken.

<i>Die tote Stadt</i> © Paul Leclaire
Die tote Stadt
© Paul Leclaire

Sah man von den unregelmäßigen, aber kontinuierlichen Stockern in der Übertragung ab, konnte man eine aufregende Film-Noir-Inszenierung erleben, die selbst über den heimischen Bildschirm den Zuschauer hineinzog in das Drama um Witwer Paul, der seiner idealisierten Frau Marie nachtrauert, bevor plötzlich ihr lebendiges Ebenbild in Form der Tänzerin Marietta in seiner Brügger Kemenate auftaucht. Idealisierter Engel gegen hemmungslos Mannstolle – andere Frauenbilder gab es in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts wohl nicht. Regisseurin Tatjana Gürbaca löst dieses Problem geschickt, indem sie von den üblichen Rollenzuschnitten der Protagonisten abweicht. Marietta inszeniert sie nicht als Zügellose, sondern Kalkulierende und Paul stilisiert sie nicht als Träumer, sondern als impulsiven, ja von seinen Trieben Fremdbestimmten. Im zweiten Bild ist Paul nicht nur stiller Beobachter der Probe der Theatergruppe, die bei Gürbaca zur Illusionistentruppe wird. Er steht plötzlich im Mittelpunkt am Pranger mit Halsband im Glaskasten, darauf geschmiert „Mörder“ seiner Frau Marie.

Aušrine Stundyte (Marietta) und Burkhard Fritz (Paul) © Paul Leclaire
Aušrine Stundyte (Marietta) und Burkhard Fritz (Paul)
© Paul Leclaire

All das passiert nicht in verschlossenen Räumen, schon gar nicht in der „Kirche des Gewesenen“, wie Paul sein Zimmer selbst bezeichnet. Nein, Gürbaca zerrt das Geschehen auf ein kreisrundes Podest umgeben von Barhockern – alle sollen zusehen. Noch vor dem Prelude zum ersten Akt gibt es Drinks, wortlose Einsamkeit und viel Abstand. Der Gedanke an Edward Hoppers Nighthawks drängt sich auf.

Aušrine Stundyte (Marietta), Burkhard Fritz (Paul) und Dalia Schaechter (Brigitta) © Paul Leclaire
Aušrine Stundyte (Marietta), Burkhard Fritz (Paul) und Dalia Schaechter (Brigitta)
© Paul Leclaire

Das Gürzenich Orchester flutete diese seelenlose Tristesse mit regelrecht berauschenden Klangwogen. Süffig, wenn Korngold der Romantik frönt, grotesk scharf, wenn sich Korngold anschickt, das Bühnengeschehen musikalisch zu zeichnen. Sicherlich kann man sich über den Kitsch mokieren, Dirigent Gabriel Feltz nahm die Musik allerdings sehr ernst. Statt glatter Oberflächlichkeit, schmalziger Verblendung bot das Gürzenich den Blick auf eine entfesselte, lustvoll dekadente Musik, die ihren offenbaren Anachronismus, ja ihre Überladung zur Tugend erklärt.

Burkhard Fritz (Paul) und Aušrine Stundyte (Marietta) © Paul Leclaire
Burkhard Fritz (Paul) und Aušrine Stundyte (Marietta)
© Paul Leclaire

Tenor Burkhard Fritz hatte als Paul unter der Spielfreude des Orchesters bisweilen ein wenig zu leiden. Die Orchesterkraft und auch die Partie selbst forderten einen wahren Kraftakt, dem Fritz vor allem im ersten Akt mit Respekt begegnete. Lyrisch war seine Stimme sicher, heldisch eher nicht. Besonders magisch wurden da vor allem die Momente, wenn er mit Sopranistin Aušrinė Stundytė im Duett agierte. Denn dort wurde er schauspielerisch intensiv, sängerisch befreiter. Spektakulär was hingegen Stundytės Marietta, die sie nicht nur durch ihr volltönendes, tiefdunkles Timbre ausfüllte, sondern auch durch ihre schier unendliche Spielfreude. Die Blicke, die Stundytė bereits im Hit „Glück, das mit verblieb“ in Richtung Paul warf, fingen auch den Zuschauer vor dem heimischen Bildschirm ein und ließen auch nicht los, wenn der Schlager noch einmal zum Schluss aufblitzt. 

Für die Livestream-Zuschauer ist die Premiere über den Link weiterhin on-Demand erreichbar. Diesmal auch ganz ohne Ruckeln. Nachschauen lohnt sich also.


Die Vorstellung wurde vom Stream der Oper Köln rezensiert.

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