Was sagen Konzertprogramme über Orchester und ihre Dirigenten aus? Und wie unterscheiden sich die großen Orchester dieser Welt eigentlich voneinander? Sie spielen durch die Bank regelmäßig dasselbe große symphonische Repertoire, engagieren dieselben berühmten Dirigenten und Solisten. Der Unterschied liegt natürlich in erster Linie beim Klang! Wer wollte leugnen, dass jedes Orchester über Jahrzehnte seinen eigenen Sound entwickelt hat und von dem einzigartigen traditionsgebundenen Zusammenspiel seiner Topmusiker lebt. Aber es ist eben auch die Programmierung, die viel verrät über die Denkart und den Ausstrahlungswillen dieser hochkarätigen Musikerensembles.

Daniel Harding
© Julian Hargreaves

Im April dieses Jahres standen innerhalb von knapp zwei Wochen Aufführungen von Oliver Messiaens Et exspecto resurrectionem mortuorum sowohl in Berlin als auch in Amsterdam auf dem Programm. Während Zubin Mehta in Berlin mit Messiaen begann und den Abend ganz österlich mit Bruckners Neunter Symphonie beendete, begann Daniel Harding in Amsterdam mit Strawinskys Ballettmusik Apollon musagète. Harding, der in diesem Jahr in seiner Heimat zum zum Commander des Ordens des Britischen Empires ernannt wurde, dirigierte im leeren Concertgebouw also erst nur die Streicher des Königlichen Concertgebouw Orchesters. Die im Auftrag der amerikanischen Kulturmäzenin Elizabeth Sprague Coolidge 1927/28 entstandene Streichorchesterkomposition atmet die Leichtigkeit von Strawinskys Landsmann Tschaikowsky. Es ist aber auch virtuose Musik voller Humor, Trauer und Charakterbeschreibungen.

Schon im ersten Satz Prolog: Die Geburt des Apollon, des griechischen Gottes der Musik, ließ Harding die tiefen Streicher des KCO sonor ihren typisch vollen Klang entfalten. Er formte aus fünf Stimmgruppen deutlich artikulierender Musiker den typisch vollen KCO-Klang, aus dem sich ein Cello solistisch heraushob. Die Variation des Apollon gehörte Konzertmeister Liviu Prunaru, der auf seiner Paschoud- Stradivari (1694) diesen Satz mit viel Ruhe und Gestaltungskraft zu einem kleinen Violinkonzert umzauberte, in einigen Passagen genial unterstützt durch seinen Pultnachbarn Tjeerd Top. Auch im Pas d‘action Apollon und die Musen stand diese Geige im Vordergrund. Harding gab durch seine langsamen Tempi Raum fürs Nachlauschen von Klang und Nachhall. In der Variation der Kalliope, der Muse der Poesie, schwebte die Musik im beeindruckend leisen pianissimo und in diesem Satz war es Solocellist Gregor Horsch, der seinen Solopart fast hilflos offen und intim ergreifend umsetzte. In der Coda sorgten die Synkopen der Bratschen zum humorvollen Rumtata der Celli für ein Schmunzeln im frech-lasziven Pariser Milieu. Später machte Hardings virtuoses Tempo die rhythmisch anspruchsvolle Musik zu einem echten Rausschmeißer. Und doch wurde dieser noch gefolgt von einem letzten Satz, der Apotheose, in dem der herrlich warme erdige Klang die Zuhörer wieder zum Beginn des Konzerts zurückbrachte. Harding und das KCO ließen das Anfangsthema melancholisch langsam zurückkommen, nur diesmal noch entspannter und verbunden mit der wieder und wieder gestellten Frage nach dem Sinn...

Ohne langes Federlesen begann das Messiaens Bläserstück. Der Komponist bekam dazu 1963 den Auftrag vom damaligen Außenminister Frankreichs, dem Dichter André Malraux. Das Stück sollte an die Toten der zwei Weltkriege erinnern und Messiaen wählte mit Bläsern und Schlagzeugern eine Besetzung, die in großen sakralen Räumen und bei Freiluftaufführungen am besten zu ihrem Recht kommt. Den Inhalt der fünf Sätze zu beschreiben würde den Rahmen dieser Rezension sprengen. In ihr sind indische Ragas genau so enthalten wie Vogelgesänge seltener Urwaldvögel und Choräle der katholischen Messe. Das Bass-Bügelhorn (oder Saxhorn) gehört ebenso zum vorgeschriebenen Instrumentarium wie drei verschieden große Tam Tams und drei Reihen Kuhglocken. Vor allem die sechs chinesischen Gongs spielen im letzten Satz Et j'entendis la voix d'une foule immense... eine zentrale Rolle. Schlagzeuger Herman Rieken spielte sich auf ihnen gegen das immer lauter anschwellende Blasorchester die Seele aus dem Leib bis man gegen Ende dieses Chorals beinah Mitleid mit seinem durchgängigen und damit kraftzehrenden Spiel bekam. Et exspecto resurrectionem mortuorum ist über weite Strecken gewalttätige Sakralmusik, ein Klagegesang unendlicher Trauer, dessen immer wieder scharfe eckige Klänge auch körperliche Schmerzreaktionen hervorrufen. Gleichzeitig ist diese 35 Minuten dauernde Komposition aber auch universelle Weltmusik, dessen komplexes buntes Treiben immer wieder abgewechselt mit dem nachhallenden Ausklingen von gewaltigen Klangeruptionen schließlich auf einem langen schrillen Ton endet. Harding blieb mit erhobenen Händen und leicht gesenktem Kopf lange Zeit stehen, so als wollte auch er mit dieser Geste den Toten zweier Weltkriege gedenken.


Die Vorstellung wurde vom Livestream des Königlichen Concertgebouw Orchesters rezensiert.

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