Da sage einer, viele Köche verdürben den Brei. In Zeiten, in denen weder Urheberrecht noch Agenturen über die Ansprüche ihrer Künstler wachten, war die Nutzung von Melodien anderer Komponisten geduldet, und selbst Johann Sebastian Bach setzte fremde Choräle oder Vivaldi-Concerti in eigene Werke um. So ist es auch nicht verwunderlich, dass dieser Antonio Vivaldi, 1735 am Teatro Filarmonico in Verona mit vielfältiger Opernproduktion beschäftigt, sich des neapolitanischen Opernstils bediente, der gerade aus der 700 Kilometer entfernten Hafenstadt herüberschwappte, und an Arien der dort wirkenden Giacomelli, Broschi oder Porpora.

Florian Götz (Bajazet)
© Bettina Stöß

Und wie vielfältige Ingredienzien einer feinen Pastete delikates Geschmackserlebnis versprechen, können die wohlklingenden Zutaten unterschiedlicher Tonsetzer gesteigerten Hörgenuss bieten: das Pasticcio hatte europaweit Zuspruch bei Opernfreunden des 18. Jahrhunderts. Das Drama um die Auseinandersetzung zwischen dem Tartaren-Herrscher Timur (Tamerlano) und dem besiegten türkischen Sultan Bajazet, der zusammen mit seiner Tochter Asteria von Tamerlan in Kriegsgefangenschaft genommen worden war, erfreute sich großer Beliebtheit. Bereits Händel hatte 1724 seinen Tamerlano in London veröffentlicht. In den Jahrzehnten danach erschienen noch mehrere Dutzend Vertonungen an den europäischen Fürstenhöfen; Vivaldi wählte für seine neue Oper Bajazet das bewährte Textbuch des Librettisten Agostino Piovene.

Nian Wang, Almerija Delic, Maria Ladurner, Julia Grüter, Florian Götz, David DQ Lee
© Bettina Stöß

Ob Tamerlano oder Bajazet: zwei Machtmenschen schenken sich nichts, und Bajazet würde eher sterben als seinem Kontrahenten eine Versöhnungsgeste anzubieten. Doch Asteria, wie ihr Vater eher den Tod von Tamerlan planend, hatte sich in Andronico, einen Verbündeten Tamerlans, verliebt. Auch der mächtige Tamerlan ist von Asteria beeindruckt; da wäre eine erzwungene Hochzeit leicht, wenn nicht seine Verlobte Irene, Prinzessin im fernen Trapezunt, zur Unzeit am Hofe Tamerlans erscheinen würde. Um Irene und Andronico zu entschädigen, beschließt er, beide zu vermählen und ihnen die Herrschaft über das eroberte Byzanz zu schenken. Doch die liebende Irene macht sich zuerst in Verkleidung ein Bild der Gefühlslagen, kämpft gegen die Konkurrentin an. Bajazet hingegen ist empört über Asterias Seitenwechsel, will seine Tochter nicht am Arm seines Feindes wissen. Tamerlan als Potentat, der sich von drei Verliebten in seiner Umgebung verraten sieht: dass das Giftfläschchen am Ende nur ein Opfer fordert und zwei Paare glücklich zueinander finden, passte wohl in die Faschings-Feierlaune von Vivaldis Veroneser Verehrern.

Almerija Delic (Asteria)
© Bettina Stöß

Wolfgang Katschner, Leiter der Berliner Lautten-Compagney, hatte am Staatstheater Nürnberg bereits mit Händels Xerxes und Monteverdis Ulisse großen Erfolg. Auch für Vivaldis Bajazet trugen neben dichtem Streicherteppich noch Naturhörner, Chitarrone und Cembali zum aufgeraut frischen Mischklang bei. Für die breite Palette von Emotionen und Farben zwischen Verletztsein und Verliebtsein konnte Katschner seinen Musikern impulsive wie drängende, herrlich innige wie zitternde Stimmungen abverlangen, faszinierend natürlich fließende Phrasierungen zur jeweiligen Stimmung aufbauen.

Mathis Neidhardts Herrscherpalast ist ein schräg angeordnetes Ensemble klassizistisch weißer Wände, die im steten Verschieben enge wie weite Räume umfassen, Wärme ebenso wie überstrahlende Reflexion auslösen können. Schrank oder Schreibtisch, Sofa oder Spiegel: wenige Requisiten fließen in schnelles Spiel ein. Innen geben modern in Lack oder Leder gekleidete Sieger den Ton an, in Springerstiefeln und abgetragenen Shirts dagegen die Kriegsgefangenen (Kostüme Annemarie Bulla). Doch wie jede Wagenburg hat auch diese Machtzentrale eine dunkle Außenseite, an die zu Beginn junge Femen-Aktivistinnen „Basta Tamerlano“ oder „Free Asteria“ sprayen, Knallkörper zünden und trotz Fesselung gegen Totalitarismus demonstrieren. Musikalisch bleiben sie stumm, finden nur im Schlussbild eine konsequente Solidarisierung durch Asteria.

Almerija Delic (Asteria), David DQ Lee (Tamerlano) und Nian Wang (Andronicus)
© Bettina Stöß

Nina Russi hat in ihrer Regie eine Brücke angedeutet zwischen den Gewalt auslösenden Türkenkriegen des Mittelalters und gegenwärtigen Regimes wie in Belarus, in denen weibliche Oppositionelle für die Überzeugung einstehen, dass Gewalt den Demokratiewunsch der Menschen eines Landes nicht stoppen kann. So stellt sie vor allem die unbeugsame Figur der Asteria immer wieder in den Mittelpunkt, der von Almerija Delic schauspielerisch wie stimmlich überwältigend eingenommen wurde. Mit Recht hätte Vivaldi seiner Oper auch den Namen Asteria geben können. Neben den Machtspielchen bleibt bei Russi auch Platz für allerlei Situationskomik, amüsante Verkleidungsszenen und ein Erotikabend in Tamerlans Arbeitszimmer, der zwar plakativ auf den Machtmissbrauch fokussiert, aber die eigentlichen emotionalen Festlegungen im Solistensextett nicht wesentlich weiter bringt.

David DQ Lee (Tamerlano) und Julia Grüter (Irene)
© Bettina Stöß

Als Kriegsversehrter im Rollstuhl spielte Florian Götz intensiv den Bajazet, schreibt aus Langeweile politische Sonette an die Gefängnismauern. Sein wohlklingender Bariton gab die Verzweiflung seiner Situation ebenso wieder wie das ungebrochene Kämpferherz im Stolz auf Asteria. Starke Stücke stellte auch der Countertenor David DQ Lee als Gegenspieler Tamerlan auf die Bühne: Machtrausch und Liebesgefühle, sogar Sympathie für Bajazet beeindruckten in seinen leidenschaftlichen Koloraturarien. Nian Wangs fein ausstrahlender Mezzosopran vermittelte überzeugend die Schwäche des unentschlossenen Andronico; Maria Ladurner meisterte ideal die schwierigen technischen Herausforderungen als Tamerlans Handlangerin Idaspe.

Spaß am Verkleiden und Versprühen feiner Düfte: besonders bewegend gestaltete Julia Grüter Irenes verzweifelte Arie „Sposa, son disprezzata”, wunderbar leichte Spitzentöne und schwingendes Spiel in Koloraturen machten sie hörbar zum Liebling des Premierenpublikums. Und im Zentrum, Asteria zerrissen von Gefühlen und bewegend in ihrer Würde, mit virtuosen Stimmläufen und warmem Mezzo von der wunderbaren Almerija Delic.

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