Der Saison-Abschluss der Serie „Musik an der ETH“ war in verschiedener Hinsicht ungewöhnlich: die Verlegung des Anlasses von der musealen Semperaula in das moderne Auditorium maximum war nicht nur bedingt durch den feierlicheren Rahmen und die größere Besucherzahl, sondern auch, um Platz zu schaffen – nicht für ein oder zwei Klaviere, sondern gleich für fünf Tasteninstrumente.

Viviana Sofronitsky © Majka Votovova
Viviana Sofronitsky
© Majka Votovova

Es handelte sich um fünf Vorläufer des modernen Klaviers, sämtlich Nachbauten, geschaffen von einem Besessenen. Der Amerikaner Paul McNulty wurde berühmt durch seine Fortepiano-Repliken nach Instrumenten von Anton Walter (um 1800) und Conrad Graf (ca. 1820), die heute von bekannten Künstlern wie Ronald Brautigam, Kristian Bezuidenhout und anderen gespielt werden. Über Jahre hat McNulty diese Instrumente in Holland gebaut, ist inzwischen aber ins tschechische Divisov gezogen, weil dort das ideale Holz wächst. Da hat er sein Spektrum ausgeweitet und baut jetzt auch Instrumente nach Johann Andreas Stein (1788), Ignaz Pleyel (1830), Boisselot & Fils (1846), sowie nach Streicher (1868).

Außer letzterem waren alle Modelle vertreten, aufgestellt über die ganze Breite des Hörsaals, allesamt (wie man sich nach dem Konzert per Augenschein und sogar durch Anspielen vergewissern konnte) in höchster handwerklicher Qualität und mit minutiöser Detailtreue gebaut – schon visuell eine wahre Augenweide! Vorgestellt wurden die Instrumente durch die Ehefrau des Erbauers, Viviana Sofronitsky, Tochter des bekannten, im Westen eher legendären russischen Pianisten Vladimir Sofronitsky.

All das gemahnt an eine Verkaufsveranstaltung für Paul McNulty. Es ist durchaus möglich, dass dieser Anlass tatsächlich zum einen oder anderen Instrumentenkauf führt, anderseits ist zu bedenken, dass die Konzertpodien dieser Welt nach wie vor fast ausschließlich mit „schwarzen Monstren“ bestückt sind. Trotz aller Bemühungen und Erfolge im Bereich der historisch informierten Aufführungspraxis und der wachsenden Verkaufszahlen für Aufnahmen der genannten Künstler sind Konzertaufführungen auf dem Fortepiano rare Ausnahmen. Somit ist der überwältigenden Mehrzahl der Konzertbesucher gänzlich unbekannt, wie klassische und frühromantische Klavierwerke im Original geklungen haben – Erziehungsarbeit in dieser Richtung ist hochwillkommen!

Aus dem Geschriebenen wird klar, dass die primäre Ausrichtung der Veranstaltung weder der Musik noch deren Interpretation, sondern den Instrumenten galt. Selbstredend kann es dabei nicht um die Wahl des „besten Modells“ gehen, sondern vielmehr um Kostproben der spezifischen Vorzüge für die Klaviermusik der jeweiligen Epoche. Die Entwicklung des Klavierbaus verlief in der Klassik derart rasch, dass selbst die neusten Modelle jeweils nach 20 – 30 Jahren veraltet waren und schon rein vom Tonumfang her nicht mehr für spätere Musik verwendbar. An Stelle einer breiten Diskussion der Interpretationen will ich hier nur stichwortartig meine Eindrücke zum Klang der Instrumente aufführen:

Carl Philipp Emanuel Bachs g-Moll-Sonate zeigte den Hammerflügel nach Stein (1788) als ein zierliches Instrument im Habitus eines Cembalos, mit hellem, singendem Ton, aber zugleich erstaunlichem Klangvolumen. Das Singen war nur zum Teil der Fragilität der Intonation geschuldet, sondern wohl auch der ungleich schwebenden Stimmung. Auf einem Hammerflügel nach Walter (1792) erklangen Mozarts Fantasie in d-Moll und und Beethovens Mondschein-Sonate und in ihrem farbenreichen und zugleich leuchtenden Ton sind diese Instrumente unerreicht, ein wahrer Leckerbissen! Beethovens Mondschein-Sonate gab zudem Gelegenheit, die Wirkung des Moderators, einem zwischen Saite und Hammer gezogenen Stück Leder zu erleben, was eine weiche, geheimnisvoll-verschleierte Stimmung schuf.

Franz Schuberts Impromptu in B-Dur spielte Viviana Sofronitsky auf einem Instrument nach Graf (1819), das erste Modell mit Fußpedal, was das rasche Zu- und Abschalten des Moderators erleichtert. Es bot mehr Volumen und größeren Tonumfang, am erstaunlichsten aber war die bezaubernde, harfenartige Wirkung des una corda-Registers. In Chopins Nocturne Nr. 13 in c-Moll auf einem Hammerflügel nach Pleyel (1830) zeigt sich der Moderator ideal zum Erzeugen der Nachtstimmung. Eine Innovation ist hier der Stahlrahmen, der für stabile Stimmung sorgt; das Instrument behält aber dank paralleler Saitenbespannung ausgeprägte Klangregister. Eindrücklich das gewitterartige Donnern in den dramatischen Stellen der linken Hand, derweil die Töne der Rechten schon relativ nah am modernen Klavierklang sein können, bei Bedarf aber auch leuchtend, brillant, melodisch-tragend.

Der Flügel nach Boisselot, 1846,der zum Abschluss mit Liszts Funérailles aus Harmonies poétiques et religieuses vorgestellt wurde, hat einen Stahlrahmen und parallele Bespannung wie das Pleyel-Modell, damit auch dessen Farbreichtum und Transparenz, aber deutlich mehr Volumen, langes Nachklingen. Auch hier hört man Glanzlichter im Diskant und sehr eindrückliches Bassgedonner in den dramatischen Stellen, noch zusätzlich verstärkt durch die bei diesen Klavieren nur begrenzte Wirkung der Dämpfer, was einen charakteristischen al fresco-Effekt erzeugt.

Wir hatten das luxuriöse Vergnügen, fünf eigens herbeigeschaffte und präparierte Instrument zu erleben, wenngleich für jeweils nur 10 – 20 Minuten Musik. Viviana Sofronitsky kleidete sich für jedes der fünf Instrumente epochengerecht und stellte auch ihr Spiel ganz in den Dienst der Präsentation der Instrumente. Es konnte ihr nicht darum gehen, sich selbst als Virtuosin darzustellen – ein Ding der Unmöglichkeit, verlangen die Instrumente doch jeweils ganz unterschiedliche, spezifische Spielweisen und Techniken, die zu präsentieren der Künstlerin hervorragend gelang: ein ungemein bereichernder Abend!