„Ich bin doch nur ein kleiner Junge vom Dorf“, hat Sir Roger Norrington kürzlich in einem Interview gesagt. Und dass es ihm Angst macht, wenn Orchester von ihm erwarten, „brillant, klug, intellektuell und klar“ zu sein. Dabei steht Norrington seit mehr als fünfzig Jahren in vorderster Linie der Verfechter einer historisch informierten Musizierpraxis, hat Dutzende von Orchestern regelmäßig oder als Gast geleitet; für die Camerata Salzburg war er von 1995 an zehn Jahre musikalischer Direktor. Sein Konzert bei den Salzburger Festspielen war eine umjubelte Rückkehr unter Weggefährten, mit denen er zum Kern einer historisch-ästhetischen Aufführungspraxis vorgestoßen ist.

Sir Roger Norrington © Salzburger Festspiele | Marco Borrelli
Sir Roger Norrington
© Salzburger Festspiele | Marco Borrelli

Während manche Kollegen im höheren Alter ihr Repertoire auf eine Reihe unbestrittener Meisterwerke verengen, zeigt der nun 84-Jährige erst recht vitale Entdeckerfreude. Nach einem Zyklus mit Ralph Vaughan Williams’ symphonischen Werken kommen alle sechs Symphonien von Bohuslav Martinů an die Reihe; eine lohnende Unternehmung, da Martinů in Deutschland nach wie vor nahezu unbekannt ist. In seinen diesjährigen Konzerten in Salzburg stand Mozart c-Moll-Messe am Beginn, Haydn und Bartok werden folgen. Überraschend und doch irgendwie typisch war dieser Konzertabend mit Wagner und Schönberg, dessen durch und durch romantische Attitüde eher ungewöhnlich für Norrington ist. Statt sattem Legato und süffigem, vibratoreichem Streicherklang steht der Brite für schnörkelloses Spiel, kurze atmende Phrasierungsbögen, schlanke und in den Klangfarben zwischen Streichern und Bläsern ausgeglichene Besetzung. Dass dies bei den „Symphonikern“ Wagner und Schönberg nicht nur funktioniert, sondern ein neues Musikerlebnis vermittelt, wurde zum imposanten Erlebnis des Abends mit Norrington und der Camerata Salzburg im Großen Saals des Mozarteums.

Das Siegfried-Idyll war Weihnachts- und Geburtstagsgeschenk des 57-jährigen Wagners an seine frisch angetraute Frau Cosima und markierte das Ende der äußerst unruhigen Anfangsphase seiner Beziehungen. 1870 entstanden, spiegelt es die erlösende Ruhe, die nach allen Verwicklungen in Wagners persönlichen Verhältnissen eingetreten war. So enthält die symphonische Dichtung neben früheren Motiven viele Elemente der Oper Siegfried (im Hinblick auf den frisch geborenen Sohn Siegfried). Im zarten fast unhörbaren Beginn durch die Camerata konnte man sich gut die Situation der Uraufführung vorstellen, in der eine kleine Instrumentalgruppe Cosima mit leisen Anfangsklängen aus dem Treppenhaus zärtlich geweckt haben soll. Eine herrliche Steigerung in den Mittelteil schloss sich an, in dem wunderbare Rubati zwischen Horn und Streichern gelangen, in den Holzbläsern dramatisch und selbstbewusst Motive aufblühten, Horn und Flöte das Waldvögelein aussingen ließen und in milden Streichern die Erregung ausklang, zurückschwingend in die weich-pastellfarbene Anfangsstimmung.

Elisabeth Kulman, Sir Roger Norrington und Camerata Salzburg © Salzburger Festspiele | Marco Borrelli
Elisabeth Kulman, Sir Roger Norrington und Camerata Salzburg
© Salzburger Festspiele | Marco Borrelli

Wagners frühere Verwicklungen hatten mit Mathilde Wesendonck zu tun, in der er um 1852 eine Muse seiner musikalischen Einfälle gefunden hatte. Sie hatte ihm eine Sammlung von Liedtexten zukommen lassen, deren Vertonung, hier im Kleinen, Wagner künstlerisch mit dem füllte, was später umfassendes Sujet im Tristan wurde. Äußerungen von Wagner wie „Du liebe Seele meiner Seele“ empfand seine Ehefrau Minna weniger amüsant und provozierte den Bruch der Beziehung. Nicht Felix Mottls gängige Instrumentierung hatte Norrington auf das Programm gesetzt, sondern die 1976 entstandene Interpretation für Altstimme und Kammerorchester von Hans Werner Henze, der, alles andere als ein Wagnerianer, sein Interesse für die Anklänge der „Tristan-Harmonik” entdeckt hatte. Durch Hinzunahme von Fagott und Bassklarinette bekommt die Orchesterfassung eine neue herbe Komponente, fördert die Durchsichtigkeit und lässt eine reichhaltige Tonfarben-Palette speziell in tieferen Regionen entstehen. So bleiben Im Treibhaus die Geigen stumm, „schwere Tropfen schweben“ an einem Gespinst aus Flöte, Harfe und Bassklarinette. Für ein solches kammermusikalisches Konzept war die Mezzosopranistin Elisabeth Kulman erste Wahl. Ohne Notenblatt, wie eine Wagnerheldin auf der Bühne, öffnete sie mit ihrem farbintensiven Timbre die Klangnuancen der Sehnsüchte, das wiederkehrende Wechselbad zwischen wahnhafter Bedrücktheit und überschwänglicher Euphorie. Textverständlichkeit und Ausdeutung kleinster Tonfärbungen kamen bei Elisabeth Kulman nie spektakulär, dafür sinnlich und berührend romantisch. Zierliche dynamische Prozesse sowie winzige Übergänge zwischen Erregung und Entspannung verlangten von den Hörern allerhöchste Aufmerksamkeit, verzauberten das Auditorium beim Erlebnis purer Sanglichkeit. Das abschließende Träume gestaltete sie grandios, mit geschlossenen Augen, ganz aus den „in der Seele ewig versenkten Bildern“.

Elisabeth Kulman und Sir Roger Norrington © Salzburger Festspiele | Marco Borrelli
Elisabeth Kulman und Sir Roger Norrington
© Salzburger Festspiele | Marco Borrelli

Roger Norringtons Dirigat war im besten Sinne kein Taktschlagen, keine Pultakrobatik. Fast unmerklich, meist nur mit der Rechten leitete er das Orchester an, wollte sich ausbildende Stimmungen nicht unterbrechen. Auf seinem Bürodrehstuhl war er mehr ein aus der Kulisse beobachtender Musikregisseur, lächelnd, genießend, Klang und Instrumentalisten umarmend, sich selbst zurücknehmend. Erst in Schönbergs Verklärte Nacht kam auch die Linke mehr zum Einsatz, ließ er im spätromantischen Klangästhetizismus Schönbergs die Stimmen noch immer durchhörbar erscheinen. Die Strophen des Gedichts von Richard Dehmel schildern eine Waldszene, in der eine Frau sich selbst anklagt, weil sie ihren Mann liebt, aber das Kind eines anderen erwartet. Ihr Mann tröstet sie und will das Kind des anderen annehmen. Verklärende Tonmagie, Naturbilder wie Sternenhimmel und Mondlicht beeindruckten auch hier. Erschütterung und Liebe fanden ihre Auflösung in expressiver Tonmagie, die selbst ohne literarischen Hintergrund einfach überwältigten.

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