Richard Wagner gilt sozusagen als der Erfinder von Musik in Cinemascope. Aber an vielen Stellen seiner Opern verlangt er auch schönen, reinen Gesang - Belcanto im besten Sinne des Worts. Vielleicht wird dies inmitten der kolossalen Klangwelten des Rings am wenigsten vermutet und daher leider auch in Aufführungen meist sträflich missachtet. Höchste Sensibilität wäre da gefragt - aufseiten der Sänger wie auch bei Dirigent und Orchester. In der Budapester Walküre konnte dies nun beglückend erlebt werden: Nicht mit Stimmvolumen wurde geprotzt, sondern wirklich gesungen.

Anja Kampe (Sieglinde) und Johan Botha (Siegmund) © János Posztós | Müpa
Anja Kampe (Sieglinde) und Johan Botha (Siegmund)
© János Posztós | Müpa

Es gibt im Budapester Kulturzentrum keinen verdeckten Orchestergraben wie in Bayreuth, dem Dirigenten kommt also die schwierige Aufgabe zu, die Klangdynamik extrem gut auzutarieren und mit dem Gesang von der Bühne in eine solche Balance zu bringen, dass die Solisten gut zu hören und zu verstehen sind, ohne dass sie forcieren und schreien müssen (wie viele Sängerinnen und Sänger haben dabei nicht schon ihre Stimmen ruiniert!).

Ádám Fischer glückte diese Balance wie schon im Rheingold auch in der Walküre perfekt. Er ließ den Solisten Raum zur Entfaltung, ließ das Orchester nahezu kammermusikalisch filigran spielen, die wissende Musik der Leitmotive klar und beredt sich entwickeln und weitete in den rein instrumentalen Passagen, den musikrhetorischen Momenten des Nach-Denkens und Einfühlens in die Figuren, den musikalischen Fluss zur epischen Erzählung. Gerade im ersten Walküren-Akt wurde die Musik immer wieder zum Spiegel der Seele: wenn Sieglinde dem erschöpften Siegmund den Trank reicht oder wenn sie klagt, wie sie als junge Frau in die Ehe mit Hunding gepresst wurde; genauso in Siegmunds berührender Erzählung seines eigenen Schicksals.

Dabei waren hier Solistinnen und Solisten am Werk, die durchaus mit großen Stimmen aufwarten und sich gewöhnlich auch über einen mächtigsten Orchesterklang hinweg durchsetzen können. Aber sie nutzten gerade im ersten Akt die Chance, der Intimität der Situation auch in innigem Gesang nachzuspüren. Anja Kampe als Sieglinde und Johan Botha als Siegmund waren sich da im musikalischen Gestus offenbar einig. Beide verkörpern diese Rollen auch regelmäßig in Bayreuth und diese Vertrautheit mit Rolle und Bühnenpartner dürfte nun auch in Budapest zu diesem schönen Gelingen beigetragen haben. Das soll nicht heißen, dass beide Stimmen nicht auch das Feuer der Ekstase entfacht hätten.

Atala Schöck (Fricka) © János Posztós | Müpa
Atala Schöck (Fricka)
© János Posztós | Müpa
In der finalen Steigerung dieses Aktes bis hin zum Liebesrausch ließen sie es an Expressivität keineswegs mangeln, und Johan Bothas „Wälse“-Rufe waren schier überwältigend, mit prallem Klangvolumen und gefühlt eine Ewigkeit lang. Im zweiten Akt, wenn Siegmund nach der Todesverkündigung Brünnhilde fragt, was ihn in Walhall erwarte, konnte Botha wieder der vokale Lyriker sein. Der Glücksfall dieser Walküre war zudem die weitere Besetzung der Hauptrollen: Johan Reuter als Wotan, Atala Schöck als Fricka und Evelyn Herlitzius als Brünnhilde, die mit ihren Auftritten im zweiten Akt die Linie der Aufführung fortsetzten, nämlich Wagner fast wie ein Schubert-Lied zu singen, klangschön und in einer Haltung der Verpflichtung gegenüber Wort und darzustellender Empfindung.

Im zweiten Akt dann der Ehedisput zwischen Fricka und Wotan, in dessen Verlauf Wotan begreift, wie sehr er bereits nicht mehr Herr seines Willens und seiner Entscheidungen ist. Johan Reuter gestaltete diesen Mann, der langsam versteht, dass „Gott“ für ihn nicht mehr passt, als immer mehr zerbrechenden Mann, der seiner Frau gegenüber noch mühsam die Contenance wahren, sich gegenüber seiner Lieblingstochter aber in größter Ehrlichkeit öffnen kann. In diesem Rollenverständnis wird auch Wotans erbitterter Zorn über Brünnhildes widerständige Tat umso verständlicher, das Wälsungenpaar schützen zu wollen. Mit nicht großer, aber sehr flexibler und nuancenreicher Stimme und darstellerisch höchst präsent verkörperte Johan Reuter den Charakter dieser Figur glaubwürdig.

Auch Atala Schöck, wie Reuter bereits im Rheingold mit der derselben Rolle vertreten, konnte als eindrucksvolle Sängerdarstellerin überzeugen. Ihre Fricka war eine selbstbewusste, realistisch hellsichtige Frau, ihrem Gatten vollständig auf Augenhöhe, sodass in dieser Szene nicht gekeifte Vorwürfe, sondern kluge Argumente im Vordergrund standen. Wieder gehörte sie zu den Solisten, bei denen klares Wortverständnis auffiel; zudem zeichnete ihre Stimme in hohem Maße Wohlklang und Fülle aus.

Johan Reuter (Wotan) und Evelyn Herlitzius (Brünnhilde) © János Posztós | Müpa
Johan Reuter (Wotan) und Evelyn Herlitzius (Brünnhilde)
© János Posztós | Müpa

Als Brünnhilde brachte Evelyn Herlitzius darstellerisch das Element jugendlicher Frische und burschikoser Unbekümmertheit in die Szene. Ihr Walkürenruf war pure Lust an vokaler Kraft und Willensstärke. Eine scharfe Höhe und pralle Energie brachte Herlitzius dafür in der Stimme mit, aber auch sie zähmte ihr vokales Potential im Zwiegespräch mit Wotan und zeigte im intensiven Spiel und stimmlich sensibel anrührend tiefe Empathie mit dem erschütterten Vater. Einzig der Darsteller des Hunding, Walter Fink, blieb alles in allem ein wenig blass; ihm war die vulgäre Gemeinheit dieser Figur nicht so recht abzunehmen. Starke Ausstrahlung dagegen entfaltete das Walküren-Oktett.

Punkten konnte auch wieder der Einsatz der Videoprojektionen, die vor allem an solchen Stellen großen Eindruck machen, wo normale Theatertechnik gemeinhin an ihre Grenzen stößt. Und das war in der Walküre das Schlussbild mit dem lodernden Feuer, das, von der Projektionswand ausgehend, den ganzen Saal erfüllte.

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