Die Geigerin Rimma Sushanskaya, in St. Petersburg geboren, erlangte erste Bekanntheit als letzte Schülerin des legendären Geigers David Oistrach. Seit 2005 verfolgt sie eine zweite Karriere als Dirigentin und arbeitet in dieser Saison mit dem Warsaw Festival Orchestra zusammen, einem ansehnlichen Klangkörper von circa 80 Musikern.

Rimma Sushanskaya eröffnete das Konzert mit den Polowetzer Tänzen von Alexander Borodin. Das Tempo im Andantino zu Beginn war bedächtig gewählt, fast elegisch, wohl mit Rücksicht auf das Orchester, das sich in der Tonhalle erst zurechtfinden musste. Die ersten Bläsereinsätze waren denn auch sehr vorsichtig, festigten sich aber bis zum Eintreten der Violinen, und im Allegro vivo mit seinem spielerisch-virtuosen Klarinettenpart formte das Orchester ein sicheres, geschlossenes Ensemble. Im nachfolgenden, rhythmisch stark strukturierten Allegro dominiert das Schlagwerk und das kräftige Blech. Im Presto des Schlussteils mit seinem galoppierenden Leitmotiv präsentierten sich die Streicher diszipliniert unter der ausgezeichneten Führungsarbeit des Konzertmeisters. Es ist ein zurecht bekanntes, virtuoses Schaustück, allerdings artete das Tutti manchmal zu einem Getümmel aus: Die Bläser waren rhythmisch weniger geschlossen und verwischten die Konturen in den komplexen Partien.

Alexander Ghindin © Julia Antonova
Alexander Ghindin
© Julia Antonova

Die Erwartungen im Publikum richteten sich nach dem Bekanntheitsgrad der beiden nachfolgenden Publikumsrenner – und wurden leider nur teilweise erfüllt. Sushanskaya eröffnete Tschaikowskys Erstes Klavierkonzert im erwarteten Zeitmaß, vielleicht nicht ganz molto maestoso wie vom Komponisten verlangt, aber nicht zu schnell, auch nicht zu langsam. Dennoch verpatzte Alexander Ghindin rhythmisch schon den ersten Takt. Agogisch völlig aus den Fugen schien dann der zweite, punktierte Einsatz, der sich gar nicht zur Orchesterbegleitung fügen wollte. Der Pianist mag das als Rubato angesehen haben, doch mir erschien Ghindins Spiel pure Willkür, die sich im ganzen ersten Satz fortsetzte: Wiederholt fuhr der Solist bei Einsätzen wie unüberlegt, grob hinein, Brüche störten den harmonischen Fluss, manches wirkte summarisch, oberflächlich, der Anschlag oftmals hart, leise Passagen zu laut, und von einer Zusammenarbeit mit dem Orchester konnte nicht die Rede sein.

Der Dirigentin kann man daraus keinen Vorwurf machen: Selbst bei klarster Gestik mit dem Taktstock ist ohne aktive Kooperation des Solisten eine geschlossene, überzeugende Interpretation nicht möglich. Da nützte auch die sehr aufmerksame Mithilfe des Konzertmeisters kaum. Die krassesten rhythmischen Divergenzen ereigneten sich gegen Ende des Satzes, doch an mangelnden Fähigkeiten des Solisten kann es nicht gelegen haben: sein virtuoses Können ist beachtlich. Selbst wenn er sich im Recht gefühlt haben sollte: das Musizieren mit einem Orchester bedingt Aufmerksamkeit und Kooperation von beiden Seiten. Das Orchester schlug sich den Umständen entsprechend wacker, leider erschien die Intonation der Bläser oft mangelhaft. Auch der Mittelsatz schaffte keinen Ausgleich. Das Solo war über weite Strecken zu laut; dem Orchester fiel allenfalls die Rolle des vorauseilenden Statisten zu. Das eingeschobene Prestissimo missriet zur reinen Demonstration von Virtuosität, summarisch, ohne jegliche Subtilität und Rücksichtnahme. Wenn ein Solist derart der Versuchung erliegt, als Tastenlöwe zu dominieren, versteht man gar Anton Rubinsteins anfängliche Ablehnung dieses Werks!

Ghindin gab zwei Zugaben, zuerst die Konzertparaphrase auf Rigoletto von Liszt. Er hat interpretierte diese nicht von der Oper her, sondern als virtuoses Blendwerk, was ich als mögliche Sichtweise akzeptieren kann. Es folgte das Fantaisie-Impromptu in cis-Moll von Chopin. Trotz extremen Zeitmaßes in den Randsegmenten fand Ghindin darin endlich auch zu lyrischen Tönen, subtiler Dynamik und einem weichen, fließenden Anschlag.

Bei Dvořáks Neunter schlug die Dirigentin im Eröffnungssatz ein zügiges Tempo an. Das Orchester meisterte dieses klaglos, erzielte ein beachtliches Klangvolumen; mir fehlte jedoch manchmal ein stimmungsvolles Verweilen auf Höhepunkten und bei Übergängen, die oft etwas abrupt ausfielen. Im Largo hatte ich das Gefühl, Sushanskaya gewähre endlich auch den Emotionen mehr Raum, denn sie ließ das Englischhorn mit seiner wunderbaren Kantilene den musikalischen Fluss bestimmen. Auch wenn die Blecheinsätze gegen Ende sich als heikel erwiesen und die Intonation nicht immer perfekt war: für mich war es der Höhepunkt des Abends.

Leider überforderte Rimma Sushanskaya die Musiker im dritten und vierten Satz mit ihrem Zeitmaß, und sie schienen auch physisch an ihre Grenzen zu stoßen: Orchestertourneen fordern ihren Tribut! Waren das die Versuchungen des Ehrgeizes seitens der Dirigentin? Es war im Konzertablauf vermutlich logisch, das Scherzo als Zugabe zu wiederholen, hier aber machte es den Gesamteindruck nicht besser und ich hoffe, dass diese Aufführung die am folgenden Tag in Genf vorbereiten half.