Béla Bartóks Kompositionen polarisieren heute wie zu Lebzeiten: In Deutschland wurde ihnen sowohl positive als auch negative Aufmerksamkeit zuteil und Jean Sibelius sah in Belá Bartók einen Hoffnungsträger für die Weiterentwicklung der Musik des 20. Jahrhunderts. Das WDR Sinfonieorchester widmet ihm in der Spielzeit 2016/17 einen kompletten Zyklus, in dem es Bartóks neue Kommunikationsformen erfahrbar macht. Mit Anna Vinnitskaya werden dazu unter anderem seine drei Klavierkonzerte aufgeführt.

Jukka-Pekka Saraste © Thomas Kost | WDR
Jukka-Pekka Saraste
© Thomas Kost | WDR

Das Programm um Bartóks Erstes Klavierkonzert bestand aus der einaktigen Ballettpantomime Der wunderbare Mandarin und dem Divertimento für Streicher, dessen Beginn schwungvoll und dennoch weich im Klang war. Der dynamische Verlauf des Divertimentos wurde gänzlich fließend gestaltet und die Melodielinien reihten sich ungehalten in einem sehr präzisen Metrum aneinander. Entstanden ist dieses Stück im Trubel des Jahres 1939, als Bartók noch abwägte, ob er in die USA emigrieren sollte oder nicht – was er ein Jahr später tatsächlich umsetzte. Bei der Basler Uraufführung schon nicht mehr in Europa, konnte Bartók nicht miterleben, wie seine „Idee von einer Art Concerto grosso mit abwechselndem Concertino“ umgesetzt wurde.

Jukka-Pekka Sarastes klares Dirigat ließ Vor- und Nachspiel der Concertino- und Ripienogruppe kommentierend ineinandergreifen. Der warme, tiefe Klang des ersten Satzes wandelte sich zum Ende hin zu einem sphärischen, als würde dieser über den bodenständigen Rhythmen des Vorangegangen schweben. Beherrscht und ruhig pulsierend wurde alsdann der zweite Satz begonnen. Mit schnellem Bogen akzentuierten die Geigen betont, jedoch nicht zu schrill. Die Crescendi weiteten sich voluminös aus und wirkten, als ob sie von den Bässen und Blechbläsern von hinten angeschoben würden. Der substantielle, runde Klang, der sich dabei bildete, sollte sich durch das gesamte Konzert ziehen, doch es stellte sich dabei die Frage, ob Bartók wirklich so rund und weich klingen soll. Bedenkt man die Entstehungszeit, könnte man sich trotz neoklassischer Elemente definitiv mehr klangliche Schärfe und Brisanz vorstellen.

Anna Vinnitskaya © Esther Haase
Anna Vinnitskaya
© Esther Haase
Zwischen den beiden Weltkriegen komponierte Bartók 1927 sein Erstes Klavierkonzert, dessen Uraufführung er in Frankfurt am Main selbst am Flügel spielte. Zu seiner Weiterentwicklung der Musik gehörte es, die perkussiven Qualitäten des Klaviers hervorzuheben, die auch dieses Klavierkonzert bestimmen. Deutlicher als es Bartók direkt am Anfang macht, kann die Verbindung zwischen Schlagwerk und Klavier gar nicht demonstriert werden. Mit vorsichtigem Hämmern pendelten sich die Paukenschläge zusammen mit den Schlägen am Flügel von Anna Vinnitskaya. Die Pianistin schmetterte ihre Akkorde in schnellem Tempo auf die Klaviatur und kitzelte besonders im dritten Satz die perkussiven Eigenschaften des Klavieres heraus, indem sie starke Akzente in rhythmisch großer Genauigkeit setzte. Charakterlich unterschieden sich die strengen Akkorde dabei von den zauberhaften Läufen. Diese Stringenz zeigte Vinnitskaya in den beiden vorangegangen Sätzen leider nicht: Im Andante-Satz mangelte es an Klarheit gegenüber der musikalischen Struktur und dem einleitenden Satz fehlte es an Strenge und Kompaktheit. Das Orchester spielte im Klavierkonzert differenziert, mit prompten Dynamikwechseln und feiner Artikulation.

Letztendlich begeisterte die Ballettpantomime Der Wunderbare Mandarin die Kölner Zuhörer, wo im Publikum bei der Uraufführung von 1926 ein Tumult ausbrach, wodurch es zu einer sofortigen Absetzung des Stückes kam. Es war die grelle, expressionistische Härte, auf die das Publikum mit Missgunst reagierte. Bartók komponierte die Pantomime bereits 1919 nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie, in jener der Ungar geboren und aufgewachsen war. Ein schwungvolles Tempo ließ die musikalischen Linien beim WDR Sinfonieorchester unentwegt hin- und herwiegen. Trotz extremer Dynamik und Akzentuierung erklangen jegliche Bläsereinwürfe geschmeidig und fortissimo-Stellen bäumten sich zu einem erhaben aufblühenden Konstrukt auf. Der raunende, kurze Einsatz des WDR Rundfunkchors bildete einen stabilen Pfeiler zum Ende des Stücks, dessen Spannung und Intensität mit einer lieblichen Leichtigkeit gehalten wurden.

Und so ging ein Abend mit Belá Bartók zu Ende, ein Abend, an dem Bartóks Klangideale des beginnenden 20. Jahrhunderts einmal nicht brutal zu hören waren, sondern recht schmiegsam. Wenngleich sich so ein überraschender Kontrast bot zu bereits bekannten Interpretationen, wünschte man sich in der ein oder anderen Stelle dennoch mehr Mut zur „Hässlichkeit“ in schriller, frecher oder fordernder Form.

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