Der in Irkutsk geborene Denis Matsuev ist nicht nur einer der weltbesten Pianisten, sondern auch eine Schlüsselfigur im russischen Musikleben ganz allgemein. In Luzern spielte er das A-Dur Konzert von Liszt, zusammen mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter ihrem Chefdirigenten Christian Thielemann. Dieser umrahmte das Konzert mit Ouvertüren eines Vorgängers an der Spitze des Orchesters, Carl Maria von Weber. Das zentrale, reine Orchesterwerk war jedoch die Brahms’ Vierte Symphonie, in einer schlüssigen, kohärenten Interpretation, die diese anspruchsvolle Alterskomposition für den Hörer fassbar machte.

Christian Thielemann und die Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger
Christian Thielemann und die Staatskapelle Dresden
© Matthias Creutziger

Thielemann ist vorrangig Operndirigent (die Heimat des Orchesters ist die Semperoper Dresden). Er hat von daher also einen Sinn für das Dramatische und weiß, sich, das Orchester und die Musik in Szene zu setzen. Das bewies er schon in der Ouvertüre zu Oberon, für welche die festliche Großformation des Orchesters das Podium füllte. Es war dies der ideale Einstieg, mit einem verhaltenen Beginn und allmählichem Aufbau. Auffällig war schon das einleitende Hornsolo mit seinem weichen, vibrierend singenden, an Wagnertuben erinnernden Klang, gefolgt von einer ebenso gedeckten, sordinierten Antwort der Streicher. Bei der Vielzahl der Violinen ist der Klang schon beinahe inhärent homogen. Thielemann verstand es jedoch, jederzeit die Balance zu halten; nie war der Streicherklang dominant, die Holzbläser kamen angemessen zur Geltung. Die Zusammenarbeit mit dem Orchester ist optimal, vom Rang des Ensembles zeugt das makellose Funktionieren des Riesenapparates. Die ersten Violinen bedurften kaum der Observation – sie funktionierten wie ein perfekt eingestelltes Uhrwerk, selbst der Konzertmeister schien selten sichtbare Führungsarbeit zu leisten. Anders hingegen die anderen ersten Pulte. Hier gingen die jeweiligen Stimmführer (zweite Violine rechts außen, dahinter die Bratschen) dem Dirigenten sehr aktiv an die Hand, am meisten und deutlichsten jedoch der erste Cellist. Diesen zu beobachten, war allein schon eine Freude. Die Ouvertüre setzt eher auf starke Kontraste denn kontinuierlichen Aufbau. Auf einen fff-Ausbruch folgt ein virtuoses Schaustück, dann wieder ein lyrisches Segment, mit ausgezeichneten Klarinettensoli. Weitere, dramatische Steigerungswellen führen hin zum packenden Schluss.

Denis Matsuev, Christian Thielemann und die Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger
Denis Matsuev, Christian Thielemann und die Staatskapelle Dresden
© Matthias Creutziger

Danach ging nicht der Vorhang auf zum antizipierten Operngeschehen, stattdessen nahm Denis Matsuev Platz am Steinway-D. Dass Thielemann das Orchester hier (und auch für Brahms) wesentlich verkleinerte, nahm man dankbar zur Kenntnis. Zwei kleine Pannen gab es zu Beginn. Die beinahe kammermusikalisch einleitenden Holzbläser (Klarinetten) hatten geringfügige Intonationsprobleme, die danach aber korrigiert wurden. Ein Teil des Publikums im ausverkauften Saal wurde dabei allerdings von einem Mobiltelefon abgelenkt, das Matsuevs erste, lyrische Soli begleitete. Das blieben jedoch die einzigen Kratzer im nahezu perfekten Konzerterlebnis. Matsuevs Liszt hat weder den stahlharten Zugriff, noch die Klarheit anderer Top-Virtuosen; er versucht auch nicht, Virtuosität in den Vordergrund zu stellen. Seine Stärke liegt in der ungemeinen Flexibilität seines Anschlags, sowie in schier unbegrenzten Kraftreserven und technischen wie musikalischen Fähigkeiten. Diese nutzt er zu singendem Legatospiel, welches fließend ins Vollgriffig-Rhapsodische anwachsen kann, hin zu eruptiven Ausbrüchen kraftvollen Spiels, aus denen er unvermittelt wieder ins Lyrisch-Träumerische wechselt, oder zu Funkenregen glitzernder Laufgirlanden und unheimlich kraftvollen Oktavkaskaden. Komplexes rhythmisches Nebeneinander wird bei Matsuev zur selbstverständlichen Nebensache, die man kaum wahrnimmt. Bei alledem ist Thielemann dem Solisten ein äußerst aufmerksamer Begleiter, hält ein Auge auf der Tastatur, vermittelt zu den Bläsern. Im Allegro moderato erwies sich die Position der Celli links hinten als ideal, konnte der Solocellist doch beim Spielen dem Pianisten direkt auf die Finger schauen. Auch im Allegro deciso oder im nachfolgenden Marziale – im Orchester vielleicht etwas gar militärisch – erklang kraftvolles, sonores Spiel, aber kein unnötiger Tastendonner.

Eine Klavierzugabe durfte natürlich nicht fehlen und tatsächlich belohnte Matsuev den Applaus mit einem Höhepunkt russischer Klavierliteratur, mit der lyrisch-expressiv-dramatischen Méditation aus Tschaikowskys 18 Morceaux, Op.72, mit Herzblut meisterhaft dargeboten.

Nach der Pause verstand es Thielemann, Brahms' für den Hörer schwer fassliche Vierte als schlüssiges Ganzes darzubieten, Formteile harmonisch verbindend, nicht als kühl-distanziertes Alterswerk, sondern durchaus gefühlswarm. Dynamisch sehr sorgfältig war das Andante moderato, mit ausgezeichneter Sonorität auch im Pianissimo der Klarinetten, das Scherzo gar beinahe übermütig und locker, mit viel Schwung. Der Maestro gestaltete jeden Satz in einem einzigen dramatischen Zug, nie in der Spannung nachlassend.

Zum Abschluss kehrte Thielemann zu Weber und zur Oper zurück. Ganz anders als das eingangs dargebotene Schwesterstück beginnt die Ouvertüre zu Euryanthe brillant und virtuos. Hier wurde daraus ein Kehraus, vom Orchester in anspruchsvollem Tempo untadelig gemeistert. Eine gewisse Tendenz zu Show-Effekten und Selbstdarstellung ist Christian Thielemann nicht abzusprechen. Man kann ihm dies jedoch schwerlich verübeln, denn schließlich war die Leistung seines Orchesters wie auch seine Interpretationen absolut überzeugend, und wenn er sich seines eigenen Erfolges freute, so kam das aus dem Herzen.

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