Alle Jahre wieder, die Zeit der Traditionen und Rituale: Es ist Dezember. Aber wer hätte gedacht, Thomas Hengelbrock und seine Ensembles (Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble), damit in Verbindung zu bringen. Verlässlicherweise geschah dies im Konzerthaus Dortmund, wo diese Künstler einmal mehr mit Bachs Weihnachtsoratorium und einem Werk Jan Dismas Zelenkas barocke Pracht auf die von leidigem Gedudel arrangierter Weihnachtslieder gestählten Zuhörer schneien ließen. Aber das natürlich gar nicht kitschig, sondern aufgeräumt und neu.

Balthasar-Neumann-Chor © Florence Grandidier
Balthasar-Neumann-Chor
© Florence Grandidier

Die expressive Lebendigkeit, sei es beim unverkennbaren Zelenka oder Bachs dramatischen Evangeliumsbericht, und deren weltliche und sakrale, schwingende Leichtigkeit wichen dabei jedoch bis auf wenige Ausnahmen dem diesmal strengen, langsam-sanften Interpretationsansatz Hengelbrocks. Auch wenn dieses Vorgehen zu Lasten der Dramatik und eintönig empfundener, romantisierender Noblesse nicht meinem Geschmack entsprach – ganz abgesehen von der inneren Kohärenz-Frage, warum bei diesem Ansatz ein groß besetztes Streichorchester gewählt wurde –, muss doch die instrumentale und hervorragende stimmliche Leistung gewürdigt werden. Alles ergoss sich in wohligem Schönklang, der von perfekter Intonation war. Besonders verständlich gerieten so zwangsläufig Text und musikalische Motive.

Nach seinen Missa-Erkundungen der vergangenen Jahre brachte Hengelbrock zu Beginn Zelenkas Magnificat in D-Dur als Geschenk mit, das als Einschub vor dem in gleicher Tonart beginnenden Weihnachtsoratorium nicht nur passend war, sondern dem üblichen Pfad der alleinstehenden, sukzessiven Kantatenwiedergabe eine eigene Note gab. Unter Berücksichtigung des bereits erwähnten, vorherrschenden Schönklang-Kriteriums an diesem Abend bildeten die Chorsätze im Magnificat eine der dramatischen, feurigen Ausnahmen, ohne vollumfänglich Zelenkas eigenwillige, schroffe „Bizarrheit“ einzigartig böhmischen Temperaments zu zeichnen, die unter anderem im typisch fetzig-knackigen Tempo offenbar wird.

Alex Potter © Annelies van der Vegt
Alex Potter
© Annelies van der Vegt
Der Chor intonierte gleich einnehmend klanggewaltig und wunderbar ausgewogen, sodass man zusammen mit den kräftigen Streichern im Metrum fundierter Klarheit sofort in den energischen Sog der angriffslustigen Melodie geriet, geschmückt vom festlichem Glanz der Trompeten und Pauken. Die zackigen Sechzehntel-Verzierungen (instrumental wie gesanglich) erklangen genauso problemlos leicht und glamourös wie beispielsweise das Amen, das das kurze Werk in gängiger Fuge beschließt, welche Hengelbrock von anfänglichem Piano über ein langes Crescendo dynamisch auskostete. In den Solisten-Expositionen zeigte besonders Alex Potter mit seinem durchdringend-reinen Alt schon, dass sein Vortrag in späterer Bach-Arie zu einem absoluten Highlight werden sollte.

Subito ging es mit den knalligen Pauken und funkelnden, perfekten Trompeten ins Weihnachtsoratorium über, das ja zum Glück – zweifellos an prominentester Stelle neben Händels Messias – noch hochmusikalischer Evergreen ist, der einfach dazu gehört, ohne einen ohrensatt zu machen. Im lauten, befreiten und vitalen „Jauchzet, frohlocket“ des Balthasar-Neumann-Chores konnte man deutlichste, persönlich angenehmste Ausnahme von Hengelbrocks Linie vernehmen, wobei das lieblich durchgeführte „Dienet dem Höchsten“ bereits von nachfolgendem sanft-getragenen Korsett künden sollte, bei dem penibel auf die piano-Ausführung geachtet wurde. Insgesamt wurde allerdings mit gebührend dankender Ausnahme der exponierten Oboen nicht zu stark artikuliert.

War in bekanntem „Bereite dich Zion“ noch nachvollziehbar, dass Hengelbrock immer unter Bedacht der Textlichkeit und Verständlichkeit dem schön ausgewogenen, zurückhaltendem Mezzo Nicole Piepers genügend Raum geben wollte, nahm ich die schneidige Bassarie „Großer Herr, o starker König“ mit bravurösem Guy Ferber an der Solotrompete dagegen fast schon erschrocken auf, erinnerte sie in ihrem sehr statisch-bedächtigem Tempo und auf Nummer sicher gehenden Duktus ohne dramatisch-schwingende Kernigkeit doch an fast vergessene romantische Zeiten, aus denen Christian Immler (wer kann es ihm verdenken!) mit seinem kräftigen, drängenden Bariton scheinbar am liebsten ausbrechen mochte.

Generell passte aber zu den mehrheitlich pastoralen Elementen des zweiten Teils Hengelbrocks Herangehensweise besser, obwohl das frische „Ehre sei Gott in der Höhe“ in fast halb so schnell genommenem Tempo wie gewohnt auch dort „herausstach“. Mit der Tenorarie „Frohe Hirten, eilt, ach eilet“ und der Altarie „Schlafe, mein Liebster“ fielen hierin jedoch die beiden überaus positiven Extravaganzen. Tilman Lichdi übernahm als Evangelist auch den tenoralen Arienpart unter luftiger Begleitung der Flöte Michael Schmidt-Casdorffs und dem pizzicato-Bass. Er brillierte mit flüssigen Gesangslinien und Sechzehntel-Beherrschung in beeindruckend makelloser Intonation, gepaart mit ausdrucksstarker Phrasierung, stets zwischen Anmut und Freude.

Balthasar-Neumann-Ensemble © Florence Grandidier
Balthasar-Neumann-Ensemble
© Florence Grandidier

Seinen flexiblen Tenor brachte er famos in seiner Hauptrolle als (natürlich langsam erzählender) Evangelist mit klarer, herrlich runder Stimme zur vollen Leuchtkraft. Seine schöne, sichere Höhe, nicht einfach in diesem Fach, sei noch besonders lobreich erwähnt; eine herausragende Darbietung. Dazu gesellte sich in überwältigend beeindruckender Manier Alex Potter. Mit himmlischer Mühelosigkeit manövrierte er seinen Weltklasse-Alt, pur, wunderbar hell und sauber mit genüsslich-trefflicher Höhe und in Entzückung versetzender Vibratolosigkeit durch die Lüfte. Diese Expressivität untermalte auch das Ensemble, als es mit dem pianissimo-Da capo für einen noch gesteigerten erlebniserweckenden Effekt sorgte.

In der dritten Kantate kehrte der homogene Chor in „Herrscher des Himmels“ kurz zu lockerem, pulsierendem Ausbruch in schnellerem Tempo zurück. Zwar passte Thilo Dahlmanns wuchtiger, eher opernhafter und lyrisch legato-belegter Bassbariton, den er noch zügeln musste, im Duett „Herr, dein Mitleid“ mit dem wunderbaren, angenehm scharf-strahlenden Sopran Agnes Kovacs' nicht hundertprozentig zusammen, dennoch war dieses sowie Anne Bierwirths „Schließe mein Herze“ unter Bernhard Forcks Solovioline weiterer Beweis für eine klangschöne und artikulatorische Stimmenpracht.

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