Kein Dirigent steht am Pult, kein Sänger auf der Bühne, nicht mal das Orchester hat sich eingestimmt; nur ein paar Balletttänzer stehen auf einer scheinbar undekorierten Bühne. Zu sehen ist ein behelfmäßiger Proberaum mit verspiegelten Wänden, in der das Ensemble zu den leichten Klängen des Repetitors seine Übungen durchexerziert. Das Publikum der Münchner Staatsoper hatte kaum den Zuschauerraum betreten, und schon war am vergangenen Samstag der erste positive Akzent mit der Wiederaufnahme von Richard Strauss' Ariadne auf Naxos gesetzt.

M. Eiche, D. Power, M. Grills, E. Madore, T. Nazmi, A. Coote & K. Conners © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
M. Eiche, D. Power, M. Grills, E. Madore, T. Nazmi, A. Coote & K. Conners
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper

Es lässt sich sicherlich so manche Kritik über die Inszenierungen der Bayerischen Staatsoper äußern, doch Robert Carsens Ariadne ist wahrlich wunderbar. Ernst, wo das Thema es verlangt, und beschwingt humorvoll an den Stellen, an denen die Oper zur Düsterkeit neigt. Dabei setzt Carsens weniger auf ausgeklügelte Bühnenaufbauten als auf eine geschickte Lichtführung. Mal ist der Zuschauerraum hell erleuchtet und mal verschwindet er in der desolaten Dunkelheit von Naxos. Die Strauss-Oper hat, so viel sei zur Handlung gesagt, schließlich die Aufführung einer ebensolchen Oper zum Thema. Was also läge ferner als die volle Wirkung des imposanten Münchner Hauses selbst ausspielen? Nicht trotz, sondern wegen des spärlichen Einsatzes von Requisiten bleibt die Inszenierung durchweg aussagekräftig und schafft es, insbesondere die gesangliche Leistung in den Vordergrund zu rücken.

Am Pult steht, man möchte fast sagen wie immer, der einsatzstarke Generalmusikdirektor Kirill Petrenko. Dieser hatte nur wenige Tage zuvor mit der Ariadne ein konzertantes Gastspiel in Paris gegeben. Abweichende Besetzung, andere Akustik und eine neue Aufstellung des Ensembles erklären in der Summe vielleicht, warum das Orchester zum Auftakt der zweiteiligen Oper die Sangesleistung stellenweise leider übertönte. Auch schienen die Streicher zu diesem Zeitpunkt nicht ganz so eingespielt, wie man das von Petrenko sonst gewohnt ist.

Doch spätestens zum Vorspiel des zweiten Teils hatten Dirigent und die 34 Mitglieder des Staatsorchesters wieder zu alter Form zurückgefunden. Unglaublich zerbrechlich und feinsinnig, ich möchte fast sagen herzzerreißend, aber an den entscheidenen Stellen energisch, erklang Strauss bewegende Ouvertüre. Am 13. Oktober, kaum eine Woche zuvor, hatte Petrenko seinen Vertrag mit der Bayerischen Staatsoper bis August 2021 verlängert. Mit wie viel Herzblut sich der russischstämmige Dirigent den Münchnern verbunden fühlt, hörte man an diesem Abend mit jedem Ton der Partitur.

Ebenfalls erst im Hauptteil der Oper konnte Amber Wagner in der Titelrolle als Ariadne das imposante Klangvolumen ihres Soprans ausspielen. Wirkte ihre Stimme im Prolog teilweise etwas zu flach, manchmal gar harsch, brillierte das junge Operntalent in ihren beiden großen Solopartien mit einer reichen und angenehm sinnlichen Stimme. Wenn wirklich Kritik geäußert werden muss, dann vielleicht an ihrer Bühnenpräsenz, die stellenweise eine etwas einfühlsamere schauspielerische Leistung gefordert hätte.

Brenda Rae (Zerbinetta) mit Tänzern des Opernballets © Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Brenda Rae (Zerbinetta) mit Tänzern des Opernballets
© Wilfried Hösl | Bayerische Staatsoper
Der Höhepunkt der kurzen Oper, die an der Bayerischen Staatsoper ohne Pause inszeniert wird, ist sicherlich die Arie der Zerbinetta. Brenda Rae verkörperte an diesem Abend den programmatischen Gegenpol zur Ariadne mit Ihrem wahrlich atemberaubenden Sopran. Selbst in den schwindelerregenden Höhen der fast zehnminütigen Koloraturarie blieb ihre Stimme glasklar. Heiter, jedoch spannungsvoll dynamisch perlte von Raes Lippen das „Noch glaub‘ ich dem einen ganz mich gehörnd“. Damit verdrehte sie nicht nur den Männern im Stück den Kopf, sondern auch dem Publikum; selbst Dirigent Petrenko sah man nach der Arie vom Pult aus Ovationen geben. Bravo!

 

Nachhaltig in Erinnerung blieb auch Alice Coote als Komponist. Voller Inbrunst sang die Engländerin ihre Hosenrolle und ließ damit weder die Verzweiflung noch die Glücksgefühle des jungen Komponisten unausgedrückt. Nicht unerwähnt bleiben sollte auch auf keinen Fall Peter Seiffert als Bacchus. Der Ausnahmetenor bezirzte seine Ariadne, wenngleich nicht schauspielerisch überzeugend, doch dafür umso stimmgewaltiger, mit durchdringend-warmen Timbre und einer unglaublich präzisen Artikulation.

Insgesamt war die Ariadne auf Naxos an der Bayerischen Staatsoper eine durchweg gelungene Wiederaufnahme mit vielen Höhepunkten, trotz leichter Schwächen im Prolog. Nicht zuletzt die angenehm zurückhaltende Inszenierung von Robert Carsten und Petrenkos einfühlsame musikalische Leitung machen diese Oper für jeden Straussliebhaber mehr als nur einen Besuch wert.

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