Ein schwieriges Verhältnis wird mit dem Motto der diesjährigen Ausgabe von Wien Modern thematisiert. Pop.Song.Voice soll, wie dies auch schon in den vorhergegangenen Jahren mit den Themen Tanz und Film/Fernsehen geschehen ist, scheinbar starre Grenzen überschreiten und durchbrechen helfen, und vielleicht, das ist anzunehmen, zu einer Annäherung der Phänomene populärer Musik und der sogenannten neuen Musik beitragen. Ein hehres Ziel, möchte man meinen, das, wie der Uraufführungsabend mit dem RSO Wien unter Cornelius Meister zeigte, schwerlich zu erreichen ist.

Cornelius Meister © Marco Borggreve
Cornelius Meister
© Marco Borggreve
In den Pausengesprächen und den Diskussionen nach dem Konzert wurde klar, dass selbst Freunde der Neuen Musik und Veteranen des Festivals Wien Modern mit dem Dargebotenen so ihre Schwierigkeiten hatten, die weniger in der Interpretation durch die Musiker lagen als vielmehr in den uraufgeführten Werken selbst. Vielleicht ist es daher notwendig, zunächst darüber nachzudenken, was in diesem Zusammenhang "Uraufführung" bedeutet, denn bei beiden Werken handelte es sich genau genommen um Teiluraufführung. So wurden Sätze aus Anamorph II (Fake: a Suite) von Gerhard E. Winkler bereits aufgeführt und auch die neuen Songs aus der Hommage à Klaus Nomi von Olga Neuwirth können schon auf eine längere Aufführungsserie in anderen Fassung zurückblicken.

Zu problematisieren ist des Weiteren das jeweilige Verhältnis der Werke zur populären Musik beziehungsweise deren Szene. Wo Gerhard E. Winklers Suite auf wohl beabsichtigt banale Weise mit Idiomen der populären volkstümlichen Kultur spielt (Ausnahmen bilden dabei freilich die Sätze Tango Charlie H. (in memoriam) und Mystery-Act), versteht sich Olga Neuwirths Songzyklus im wörtlichen Sinne als Hommage an den 1983 verstorbenen Pop-Countertenor Klaus Nomi.

Nach Selbstauskunft von Gerhard E. Winkler auf seiner Website handelt es sich beim Anamorphe-Zyklus, dem Anamorphe II (Fake: a Suite) zugehörig ist, um einen Zyklus von Kompositionen, der mit prä-existentem Material arbeitet, indem dieses nichtlinear in verschiedene Raum-Zeit-Felder projiziert wird. Was dies bedeutet, lässt sich anschaulich am dritten Satz der Suite, dem Delirienländler zeigen. Eröffnet wird dieser durch einen traditionellen Tusch, bevor dann ein verzerrter Ländler mit teilweise geräuschhaften Klangebenen und spektralen Klangfeldern folgt. Ähnliches gilt auch für das Wienerlied (1. Satz) und den Finalsatz Pussy-(r)-Polka. Alles in allem handelt es sich dabei um keine besonders neue, geschweige denn originelle Idee, die aber nichtsdestotrotz in 20-minütiger Dauer unterhaltsam wirken kann.

Andrew Watts © P. Jones
Andrew Watts
© P. Jones
Auch Olga Neuwirths Hommage à Klaus Nomi. Neun Songs für Countertenor und Kammerorchester aus den Jahren 1998-2009 spielen mit prä-existentem Material, allerdings gänzlich anders als im Falle der Suite von Winkler. Das Spiel, das Neuwirth mit ihrem Material treibt, ereignet sich auf zwei Ebenen. Auf der ersten arbeitet sie mit den Songs von Klaus Nomi bzw. in zwei Fällen mit Arien von Henry Purcell, die Klaus Nomi in die Pop-Welt gebracht hat (Cold Song aus King Arthur und Remember me aus Dido and Aneas) und auf der zweiten Ebene mit dessen Interpretationsweise. Auch dies ist nicht besonders originell, was aber Neuwirth wirklich geglückt ist, ist die Instrumentation ihres Werkes für ein Kammerorchester aus Streichern, Bläsern, Schlagwerk, zwei Keyboards und einer E-Gitarre. Zudem, und dies kann man schließlich als eines ihrer Markenzeichen ausmachen, stattet sie ihr Werk noch mit einer komplexen Klangregie aus, die von Peter Böhm betreut worden ist.

Über die Ausführung der beiden Werke lässt sich hingegen nur Gutes sagen. Cornelius Meister wusste wie auch schon beim Eröffnungskonzert des Festivals die passenden Tempi zu finden und sein fast tänzerisches Dirigat konnte auch hier zur Geltung bringen, auf was es ankam. Das RSO Wien folgte seinen Aufforderungen gerne und brachte eine ebenso sichere Interpretation über die Bühne des Großen Saales des Musikvereins. Ein besonderes Lob hat auch Countertenor Andrew Watts verdient, der gleichsam mit drei Stimmen aufgetreten ist, nämlich seiner Sprechstimme, seiner „natürlichen“ Singstimme und seiner klangschönen Countertenorstimme. Beeindruckend war dabei die Leichtigkeit des Changierens zwischen diesen Ebenen und die federleichte Interpretation der Songs.

Alles in allem ein musikalisch gelungener, aber ideell nicht besonders origineller Uraufführungsabend.

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