Man hört es immer wieder: alles ist nicht mehr das, was es mal war. Auch das Alter, das ist längst nicht mehr schick – und doch ist man sich dem unschätzbaren Wert der Erfahrung, die ein gewisses Alter mit sich bringt, wohl bewusst. So sieht man gerade in jüngster Zeit häufig die erfahrensten Künstler auf allen Bühnen, so auch in einem sagenhaften Konzert des Wiener KammerOrchesters im Konzerthaus mit dem mittlerweile 92-jährige Sir Neville Marriner.

Wiener KammerOrchester © Lukas Beck
Wiener KammerOrchester
© Lukas Beck

Zur Eröffnung des Konzertes erklang ein besonderes Schmankerl, wie man in Wien so schön sagt, die Ouvertüre zu Christoph Willibald GluckIphigénie en Aulide, die leider ein seltener Gast in Konzerten ist. Ganz delikat gestaltete Marriner den Beginn und das Wiener KammerOrchester folgte, ließ sich ganz auf ihn ein; das quasi fugato der Streicher formte sich im Wechselspiel mit den Bläsern zum feingliedrigen Klanggewebe, das plötzlich durch die Sechzehntelfigur zum Beginn des Grave durchbrochen wurde. Marriner wollte allerdings nicht beim Grave bleiben, sondern trieb sogleich an, worauf das Orchester nicht so geschwind folgen konnte. Dennoch: die Ouvertüre gelang sehr überzeugend, was nicht zuletzt an Marriners feiner Tempo-Abstimmung lag.

Mittelstück vor der Pause war das Klavierkonzert in A-Dur (KV 385p) von Wolfgang Amadé Mozart . Hier demonstrierten sowohl Solist Lars Vogt als auch das Wiener KammerOrchester, wie differenziert in Agogik und Dynamik ein Mozart gespielt werden kann. Richtig aufblühen konnte dabei das Orchester im zweiten Satz, der Variationen über ein Thema von Johann Christian Bach darstellt. Die kontrapunktische Ausführung durch Mozart kam hier an diesem Abend besonders zur Geltung, was vor allem den Bassstimmen zu verdanken ist, die ihre Passagen mit dem nötigen Schmelz versahen. Lars Vogt musizierte souverän und bescherte veritablen Konzertgenuss. Aufführungen von Instrumentalkonzerten werfen bei mir jedoch immer wieder die Frage auf, warum zwingend die Kadenzen von Mozart selbst gespielt werden. In Zeiten der historischen Aufführungspraxis wäre es erfrischend schön, wenn an Stelle der cadenza eine künstlereigene Improvisation zu hören wäre und kein braves Etüdenspiel.

Sir Neville Marriner © Bill Page
Sir Neville Marriner
© Bill Page
Das jedoch soll dem musikalischen Genuss keinen Abbruch tun, und der Höhepunkt des Abends war ohne Zweifel Marriners Interpretation der Symphonie Nr. 7 in A-Dur von Ludwig van Beethoven. Dieses Werk, das von Richard Wagner mit dem Diktum bedacht wurde, es sei die Apotheose des Tanzes, kommt selten so jugendlich frisch daher wie man es an diesem Abend gehört hat. Fast schon geheimnisvoll ließ Marriner das Poco sostenuto des ersten Satzes heraufdämmern. Über den Akkorden der Streicher und der Bläser flog nur so das Oboensolo dahin, bevor dann nach schier unendlich wirkender Steigerung das vorsichtige Herantasten von Flöten, Oboen und Violinen an das Hauptthema des Vivace folgte. Hätte es da nicht einige wenige Unstimmigkeiten bei Flöten und Oboen ab dem Beginn des Vivace gegeben, hätte ich es als perfekte Wiedergabe empfunden.

Attacca ging es dann sofort weiter mit einem Allegretto, in dem man bei Marriners Interpretation im positivsten Sinne des Wortes von einer Entzauberung sprechen kann: Kein unnötiges Posieren, wie das Motto dieses Konzertes sagt, sondern wirklich musizieren. Der oft fast stillstehende Satz wurde von den Musikern als zweites Scherzo, eine Art Sarabande im Stil eines Trauermarsches zelebriert. Profund der Klang der Streicher, auserlesen die Holzbläsersoli und fein kontrolliert die Paukeneinsätze. Auch das Allegro con brio besaß eine gute Portion des Feuers, das sich Beethoven gewünscht hatte. Unter Marriners lebhaftem Dirigat, von Altersbeschaulichkeit keine Spur, flog die Eingangsfigur der ersten Violinen nur so dahin und das Orchester zeigte den gesamten Satz über schön gewählte Klangfarben, die beständig und immer passend changierten – ein bereicherndes Konzerterlebnis, das zeigt, dass manches (mancher) doch genauso gut, wenn nicht gar besser ist als früher.