Trotz oder gerade wegen der großen Hitze: wenn Hilary Hahn und dazu noch die Wiener Philharmoniker auf dem Konzertprogramm stehen, dann ist Großes zu erwarten. Unter Leitung von Andrés Orozco-Estrada, der seit der Saison 2014/15 die Geschicke des hr-Sinfonieorchesters lenkt, spielten sich Solisten und Orchester in den siebenten Musikerhimmel. Dass das mit einem Programm ohne die großen Klassiker gehen kann, ist dabei noch umso schöner.

Hilary Hahn © Patrick O'Leary
Hilary Hahn
© Patrick O'Leary

Mehr in Richtung Klassiker tendierten die beiden Rahmenstücke des Konzertprogramms. Die Eröffnung des Abends und auch sein Schluss waren voll und ganz dem Tanz gewidmet. Mit aller Solistenvirtuosität, die die Wiener Philharmoniker aufbieten konnten, kamen die Tänze aus Galánta von Zoltán Kodály daher, doch zum heimlichen Höhepunkt des Abends avancierten die Symphonischen Tänze, Op.45, aus dem Jahr 1940 von Sergej Rachmaninow. Ob das Non allegro des ersten Satzes, der Andante con moto-Walzer des zweiten oder der große Schlusssatz, Andrés Orozco-Estrada fand die richtigen Tempi zur richtigen Zeit, gab den Musikern Raum zur Gestaltung und ließ die Tänzen fließen. Meisterlich gelang im vor allem auch der schaurige Mittelteil des dritten Satzes, der stark an Rachmaninows düsterste Oper Francesca di Rimini erinnert.

Henri Vieuxtemps ist trotz seines umfangreichen Oeuvres von doch immerhin sieben Violinkonzerten, zwei Violoncello-Konzerten und zahlreicher Kammermusik vor allem für Streicher kein oft gepflegter Gast auf den Konzertspielplänen dieser Welt. Die Ausnahmekünstlerin Hilary Hahn änderte dies beim letzten Konzert der Wiener Philharmoniker in dieser Saison mit einem klangrauschhaften Plädoyer für diesen komponierenden Virtuosen des 19. Jahrhunderts.

Dieses Konzert zählt nun nicht zu den Dauergästen in den Konzertsälen. Hector Berlioz hat die These über Vieuxtemps' Viertes und Fünftes Violinkonzert aufgestellt, dass es sich bei diesen Konzerten vielmehr um Symphonien handle. Und bei rechtem Licht betrachtetmöchte man das auch meinen, was sich nicht nur in der Viersatzigkeit des Vierten Konzerts äußert. Auch die Anlage scheint eher symphonisch zu sein, bedenkt man vor allem, dass fast der erste halbe Satz dem Orchester gehört. Auch für den vierten Satz, einen virtuosen Marsch, darf ähnliches gelten. Der Solovioline wird in beiden Fällen ein großer Auftritt garantiert; das gilt auch für die beiden Sätze im Zentrum des Konzerts. Das himmlische Adagio religioso wird von einem feierlichen Choral bestimmt, den die Solovioline, ebenfalls nach langer Pause, dann varierend aufgreift. Auch das Scherzo, das voll und ganz tänzerischer Natur ist, verlangt vom Solisten große Raffinesse und ist auch mit ebensolcher komponiert.

Was machen nun Hilary Hahn und die Wiener Philharmoniker aus diesem Material, das schon einen Hauch Tschaikowsky vorwegzunehmen scheint? Einen wahren Klangrausch. Rauschhaft erklingt bereits die Einleitung, die vor allem auch von den Bläsersolisten mit viel Raffinement ausgespielt wird. Doch dann betritt Hilary Hahn die imaginäre Musiktheaterbühne und es öffnet sich ein Vorhang zu einer neuen, ganz anderen Szene. Beeindruckend an ihrem Spiel ist das, was man als zurückgenommene, ja fast als heimliche Virtuosität bezeichnen könnte. Hahn ist eine Meisterin ihres Faches, die es nicht nötig hat, ihre Meisterschaft übermäßig zur Schau zu stellen. Dies zeigte sich schon beim ersten Intervall. Klanglich im pp, fast an der Grenze zum ppp, spielte sie die erste Quarte so delikat, dass man gebannt an ihren Fingern hing. Sie jagte ihr Instrument durch die Höhen und Tiefen des ersten Satzes, betete fromm im zweiten, tanzte dahin im dritten. Das ist Virtuosentum ohne Showfaktor. So spielt man das!

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