Johann Wolfgang Goethes Faust, eine zweiteilige Tragödie, welche als eine Art Volksdramenbearbeitung beginnt und sich zum großen Welttheater weitet, gehört zweifelsohne zum Größten, was die deutschsprachige Literatur zu bieten hat. Dieser kaum überschaubaren, geschweige denn leicht fassbaren Größe ist es zu verdanken, dass, um mit Theodor W. Adorno zu sprechen, dieser profane Text wie ein heiliger behandelt wird.

Wiener Symphoniker © Andreas Balon
Wiener Symphoniker
© Andreas Balon

Ein heiliger Text ist er nicht nur für den Literaturliebhaber, sondern auch füalle Freundinnen und Freude der klassischen Musik, denn zweifelsohne gehört er zu den meistvertonten Texten überhaupt. Überraschend ist dabei die Formenvielfalt in welcher er vertont wurde. Die Spanne reicht von Bühnenmusiken über Opern, von Tondichtungen bis hin zur Symphonie. Eines der wohl seltsamsten unter der Vielzahl von Werken, die vom Faust inspiriert worden sind, war nun im Wiener Konzerthaus zu hören. Es handelt sich dabei um das mit dem Signum Oratorium nur unvollständig bezeichnete Schumann'sche Spätwerk Szenen aus Goethes Faust.

Was ist so seltsam an dieser zum Klingen gebrachten Szenenfolge aus der Großdichtung Goethes? Robert Schumann lässt gerade die Teile des Faust aus, die nach einer Vertonung zu schreien scheinen. Es gibt in diesem Werk kein Flohlied des Mephisto, kein König von Thule und kein klagendes Gretchen am Spinnrad. Nein, Schumann wählt Szenen aus, die auf einer tieferen Ebene nach Musik verlangen.

Christian Gerhaher © Hirochimi Yamamoto
Christian Gerhaher
© Hirochimi Yamamoto
Schumanns „Ergriffensein von sublimer Poesie“, das er Felix Mendelssohn Bartholdy in einem Brief eingestand, erstreckte sich ursprünglich nur auf die Schlussszene aus dem zweiten Teil des Faust. Später, da er bemerkte, dass das Werk für den großen Aufwand zu kurz sei, erweiterte er seine Komposition noch um zwei weitere Abteilungen, von denen die erste vor allem Gretchen gewidmet ist und die zweite den sterbenden Faust zeigt. Dem Ganzen stellte Schumann dann noch eine Ouvertüre voran.

Mit dieser pathosgeladenen Ouvertüre drückte Daniel Harding seiner Interpretation mit den Wiener Symphonikern bereits den ersten Stempel auf. Er dirigierte einen kulinarischen Schumann, bei dem die Akzente treffend gesetzt waren und der sich durch fließende Tempi auszeichnete. Diesen Kurs gingen die Wiener Symphoniker feinfühlig und mit der nötigen Dramatik mit. So wurden nicht nur die Ouvertüre, sondern auch die Kirchenszene und der Schluss des Faust zu Höhepunkten des Abends. In der Kirchenszene gelang es ihnen auf glänzende Art und Weise, den erschreckenden Sog zu entfachen, der Gretchen am Ende in die Ohnmacht reißen wird.

Doch der wahre Star des Abends war ohne Zweifel Christian Gerhaher, der seine Stimme nicht nur der Titelpartie des Faust lieh, sondern auch dem Pater Seraphicus und dem Doktor Marianius im Schlussbild des Faust. Es ist schlicht beeindruckend, welche großartige Faust-Interpretation er dabei leistete. Sowohl beim verliebten, wieder verjüngten, wie auch beim sterbenden Faust saß jeder Ton und man spürte, dass hier eine der besten Baritonstimmen unserer Zeit zeigt, was sie kann. Dabei fiel deutlich auf, dass Gerhaher vor allem vom Lied kommt. Jede Phrase bekam ihre eigene Klangfarbe mitgegeben und der Text erfuhr einen ideale Ausdeutung bis ins letzte Wort. Dies konnte man vor allem beim Sterbemonolog des Faust beobachten, den Gerhaher zu einem Höhepunkt des Abends werden ließ.

Christiane Karg © Gisela Schenker
Christiane Karg
© Gisela Schenker
Doch auch das Gretchen von Christiane Karg war eine Klasse für sich. Schön zu hören war vor allem ihre Gestaltung von so verschiedenen Nummern wie sie die erste Abteilung des Werks bietet, in welcher Gretchen im Zentrum steht. Zuerst gab sie das schüchterne Mädchen, dann die klagende Frau und zuletzt die unter dem Druck ihrer Schuld nieder brechende Büßerin im Dom. Dabei vermochte sie mit ihrem klangschönen Sopran sowohl den erforderlichen lyrischen als auch den dramatischen Ton der Partie zu treffen. Der dritte im Bunde der Protagonisten war Alastair Miles mit seinem feinen, seriösen Bass. Auch er zeigte eine klar umrissene Interpretation seiner Charaktere. Ob als böser Geist im Dom oder als gehässig-sardonischer Mephisto in der Todesszene des Faust erwies er sich als Idealbesetzung für diese Partie.

Das galt auch für Andrew Staples in den Rollen des Ariel und des Pater Exstaticus. Mit seinem sauber geführten Tenor dominierte er vor allem die einen Sonnenaufgang imaginierende erste Szene der zweiten Abteilung. Wer leider nur einen zu kleinen Part an diesem Abend zu singen hatte war der Bass Franz-Josef Selig als Pater Profundus. Von seiner zur Partie passenden, profunden Bassstimme hätte man gerne mehr gehört. Wer am Ende nicht vergessen werden darf, sind die beiden Chöre der Wiener Singakademie (Leitung: Heinz Ferlesch) und der Opernschule der Wiener Staatsoper (Leitung: Johannes Mertl), die den Abend mitgestaltet haben. Vor allem die Solisten des letztgenannten Chores hinterließen einen bleibenden Eindruck.

Fazit: Eine mehr als gelungene Aufführung des zu Unrecht vergessenen Hauptwerk Robert Schumanns.