Ein Konzert voll von interessanten Querbezügen! Das Zürcher Kammerorchester spielte unter dem Tonnengewölbe der barocken Kirche St. Peter, und barock war auch die Musik wie das Instrumentarium des Abends. An erster Stelle dirigierte der in Leipzig geborene Stephan Mai vom Konzertmeisterpult aus das Concerto grosso Op.6 Nr.10 von Händel, ein Werk des Hochbarock aus Händels bekanntem und beliebtem Zyklus.

Das Orchester spielte leicht und akkurat, erfahren in barocker Klangsprache und Verzierung, mit weicher Artikulation, aber nie wirklich laut, schrill oder grell, wodurch sich der Streicherklang ideal mit der Raumakustik mischte: selbst sublimste pp-Stellen wirkten noch warm und tragend. Die doppelten Punktierungen der französischen Ouvertüre waren kurz, jedoch nie hart, das nachfolgende Fugato leise und dennoch transparent, in der Dynamik sanfte Steigerungswellen modellierend. Einer Aria folgte ein Allegro, so leicht und schwebend wie Schmetterlingsflügel; ein weiteres Allegro verhuschte im geflüsterten ppp, die Hörer ganz in seinen Bann ziehend. Den Abschluss bildet der wohl bekannteste Satz dieses Werks, ein Allegro moderato mit federnden staccato-Rhythmen. Besonders sympathisch fand ich, dass neben Stephan Mai auch die Solistin des Abends, Carolin Widmann, im Concertino mitwirkte.

Carolin Widmann © Marco Borggreve
Carolin Widmann
© Marco Borggreve
Im nächsten Werk, der Sonate für Violine solo in a-Moll des Bach-Zeitgenossen (und von Bach geschätzten) Johann Georg Pisendel, richtete sich die Aufmerksamkeit ganz auf Carolin Widmann und ihre mit Darmsaiten bespannte Guadagnini von 1782, gespielt mit einem spätbarocken Bogen. Pisendels Sonate ist besonders im ersten Satz ein ganz erstaunliches Werk: rhythmisch scheinbar frei, wenn nicht wirr, so dennoch zumindest irritierend. Harmonisch und melodisch experimentell ist diese Musik, in der Klangsprache neben Stellen, die mit Bachs Sonaten und Partiten in Beziehung zu stehen scheinen, oft gar an die Solosonaten von Eugène Ysaÿe erinnernd und so gewagt, dass unerfahrene Hörer Mühe haben könnten, die Reinheit von Intervallen zu beurteilen!

Die nachfolgenden Sätze Allegro und Giga (und deren Variation mit vorwiegend gebrochenen Akkorden) sind rhythmisch und harmonisch regulärer, dennoch ihrer Zeit und Bachs Solowerken weit voraus und technisch extrem anspruchsvoll: Carolin Widmann spielte das Werk souverän und intonationssicher, wiederum ohne den Ton ihres Instruments zu forcieren. Ganz auf die Unterstützung der Akustik vertrauend spielte sie weitgehend ohne Vibrato, was die Intonation nochmals anspruchsvoller macht und Dissonanzen zusätzlich hervorhebt, oftmals sehr leise und intim, etwa in den oktavierten Echos des Allegro, und in der Giga mit sehr schön singendem Ton.

Mendelssohns Streichersymphonie Nr. 10 scheint dabei auf den ersten Blick aus dem zeitlichen Kontext zu fallen, doch schrieb der 14-Jährige dieses einsätzige Werk in der Form einer an Händel orientierten französischen Ouvertüre barocken Stils, mit dramatischem, doppelt punktiertem Eingangsteil (rhythmisch pointiert, leicht, nie schroff artikuliert, mit schönen Kantilenen), gefolgt von einer fünfstimmigen Fuge mit drei Themen. Letztere wurde in gemessenem Zeitmaß dargeboten, spielerisch, leicht und tänzerisch im ersten Thema, mehr portato im zweiten, und erst im dritten Thema gesellten sich auch rauere Akzente hinzu. Das Orchester gestaltete lange Spannungsbögen und einen hinreißenden, homophonen Schluss: hier zeigt sich die motorische Ader des späteren Mendelssohn!

In seiner unterhaltsamen Einführung informierte Stephan Mai über weitere Querbezüge beim letzten Werk: Das vor allem aus Aufführungen mit Klavier heute vielleicht bekannteste Cembalokonzert in d-Moll von Bach hat wohl auch Mendelssohn gekannt, denn das Manuskript fand sich im Nachlass einer Berliner Großtante, einer Schülerin von Wilhelm Friedemann Bach. Teile dieses Konzerts hat Bach auch für seine Kantate BWV 146, Wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen, umgearbeitet; daneben herrscht heute die Meinung vor, das Konzert (BWV 1052) sei ursprünglich für Violine verfasst gewesen und von Bach für seine Söhne umgeschrieben worden.

Das wird zwar von einigen – darunter Stephan Mai und die Solistin des Abends – bezweifelt, aber immerhin setzt sich das d-Moll-Konzert meines Erachtens in der Textur des Soloparts deutlich von den anderen Cembalokonzerten dieses Komponisten ab. Zudem trug die Interpretation von Carolin Widmann kaum dazu beim, die Zuhörer in derartigen Zweifeln zu bestärken: Der erste Satz wurde mit Schwung, agogisch äußerst lebendig dargeboten, mit rhythmischen Dehnungen und spannenden Accelerandi, die Dynamik bis ins ppp ausreizend – vielleicht etwas exotisch, dennoch absolut überzeugend als Violinkonzert! Diese Vitalität setzte sich im Schlusssatz fort, in dem die Solovioline klar die treibende Kraft war. Dazwischen das wunderbare Adagio (in der genannten Kantate der Eingangschor), mit der eindringlichen Klage in der Melodielinie des Solos, ausgezeichnet ornamentiert und viel, viel emotionaler als jede Darbietung auf dem Cembalo oder Klavier.

Überzeugender kann kein philologisches Argument für die Violinfassung sprechen, zumal mit so einem klangschönen, tragenden Instrument! Ich sollte allerdings anfügen, dass Liebhaber eines großen, vibratoreichen, dichten Violinklangs, wie er Mitte des letzten Jahrhunderts gepflegt wurde, den Solopart als frugal, wenn nicht gar manchmal als roh empfunden haben mochten. Das Spiel ohne Vibrato ist ungleich reicher an Klangfarben und direkter (jedoch auch kritischer, anspruchsvoller) in der Intonation, zumal in einer Konzertaufführung, in der die Darmsaiten dazu tendieren, etwas nachzugeben. Ich empfand diesen Abend jedenfalls als eine besondere Bereicherung, auf die einzulassen sich unbedingt lohnte!

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