Nachdem sich das Zürcher Kammerorchester vor einem Monat im Gewand eines Barockorchesters präsentiert hatte, spielte es jetzt unter seinem Chefdirigenten Sir Roger Norrington Werke von Mozart in einer schlanken Konfiguration, mit vergleichsweise wenigen Streichern und auf modernen Instrumenten. Norrington hat sich zum Ziel gesetzt, den Erkenntnissen aus der historisierenden Musizierpraxis auch auf modernem Instrumentarium und damit bei einer breiteren Öffentlichkeit zum Durchbruch zu verhelfen. Dazu gehört an vorderster Stelle das Spiel ohne Vibrato, die leichte Artikulation, die kleine Besetzung.

Sir Roger Norrington © Alberto Venzago
Sir Roger Norrington
© Alberto Venzago

Dass das durchaus nicht frugal-trocken klingen muss, bewies bereits Mozarts Sinfonie in D-Dur KV 19: der bleibende Eindruck ist der eines harmonischen, weichen, runden Klanges, trotz klarer Spielweise, die dichte legato-Klänge meidet. Leider fehlte ein Cembalo, und es wurden auch keine Naturhörner eingesetzt, aber die Ventilhörner klangen so hell, dabei nie vordringlich, dass das gar nicht ins Gewicht fiel. Natürlich ist bei diesem Werk des Neunjährigen vieles noch verkürzt, knapp - dennoch konnte sich der Komponist nicht verkneifen, am Beginn der Durchführung des ersten Satzes den musikalischen Fluss mit einer überraschenden Moll-Eintrübung von drei Takten, verbunden mit einem fp, zu unterbrechen: den Effekt auf das Publikum von 1766 konnte man hier al fresco miterleben. Der dritte Satz verlangte von den Musikern einiges an Virtuosität, er wurde vom Orchester unter Norringtons knappem Dirigat problemlos gemeistert.

Schon im Orchestervorspiel zum Oboenkonzert KV 314 fiel die sprechende Artikulation und Phrasierung auf; Solist Albrecht Mayer vermied übermäßiges Legato, spielte mit leichtem Ton, der für eine moderne französische Oboe charakteristischen, großen dynamischen Bandbreite und klaren Intonation. Speziell gefielen die fantasievollen Kadenzen (von Mozart sind keine überliefert), sowie die natürliche Behandlung der vielen langen Vorschlagsnoten im Solopart. Albrecht Mayer gab drei Zugaben, von denen die erste, der Einleitungssatz zu Bachs Kantate Ich steh' mit einem Fuß im Grabe, BWV 156, sich direkt in die Herzen der Zuhörer spielte: fast ein wenig ungerecht Mozarts Konzert gegenüber!

Albrecht Mayer © Ben Ealovega
Albrecht Mayer
© Ben Ealovega

Zum Abschluss des Abends erklang die nur allzu bekannte Sinfonie in g-Moll, KV 550, in ihrer ersten Version ohne Klarinetten. Sir Roger Norrington erläuterte vorab die dramatische, tragische, ja, verzweifelte Stimmung in dieser Komposition, wandte sich dabei besonders dem Tempo zu, und schloss mit "Fasten your seat belts, this is a dangerous world!" Tatsächlich ließ das schnelle Molto allegro des ersten Satzes vergessen, dass diese Musik oft verbraucht wirkt! Der Dirigent kontrollierte weniger den Takt, vielmehr modellierte er mit den Händen die Konturen der Musik. Sein spezielles Augenmerk galt dabei den langen, manchmal flehentlich drängenden, oft drohend anschwellenden Haltetönen in den Bläserstimmen, von den Streichern unerbittlich vorangetrieben. Gleichermaßen ungewohnt das Andante, das trotz natürlichen Schreitmaßes doch deutlich schneller als erwartet war. Mehr noch als im ersten Satz blieben hier die dräuenden Schwelltöne im Gedächtnis, die einen in die Welt des Don Giovanni versetzten, ein Eindruck, den die Abwesenheit von Vibrato noch verstärkte. Das Menuetto wirkte eher behäbig, was den Kontrast zum Trio noch verstärkte, dessen verklärte Melodien unweigerlich wieder in die ernste, stampfende Welt des Menuetto mündeten. Das Tempo im letzten Satz entsprach noch am ehesten den Hörgewohnheiten, wobei Norrington auch hier die ernsten, unheilschwangeren Aspekte holzschnittartig in den Vordergrund stellte: weitaus mehr als ein virtuoser Kehraus.

Norrington öffnete mit seiner Interpretation neue Blickwinkel und man darf auf die übrigen Konzerte dieser Mozart-Reihe gespannt sein.

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