Das letzte Konzert der Saison widmete sich den beiden Zeitgenossen Pleyel und Mozart. Das Zürcher Kammerorchester unter der Leitung seines Konzertmeisters Willi Zimmermann agierte präzise, virtuos und mit offensichtlicher Spielfreude: eine Solidargemeinschaft, die zu familiärem Spiel zusammengefunden hat, wobei vor allem die Stimmführer untereinander in engem Blickkontakt blieben, sich visuell zu unterhalten schienen.

Zürcher Kammerorchester © Zürcher Kammerorchester
Zürcher Kammerorchester
© Zürcher Kammerorchester

Ignaz Pleyel Symphonie in D-Dur – eine von über 40 – ist weit mehr als gefällige Unterhaltungsmusik. Sie lässt einen äußerst fantasiereichen Komponisten erkennen, der auch nicht schulmeisterlich mit vorgegebenen Formen operiert. Das einleitende Allegro assai kombiniert ein tänzerisches, Kanon-artiges erstes Thema mit einem beschaulichen zweiten, das einen an Blumengärten und Vogelgesang denken lässt. Moll-Tonarten lassen selbst ohne Wiederholung der Exposition die Durchführung erkennen: durchaus dramatisch, mit harmonischen Überraschungseffekten. Auch die Reprise ist keineswegs nach Schema F gestaltet. Eine ausgezeichnete Musik, die den Vergleich mit Haydn und Mozart keineswegs zu scheuen braucht. Auf ein nachdenkliches, ernst-verhaltenes Andante mit einem unerwarteten, lustig-hüpfenden Einschub folgt im Menuett ein galanter Tanz. Dieser wird auch mal dramatisch, während im Trio Soloviolinen von Pizzicati begleitet werden. Das Finale ist eine virtuose, ausgelassen heitere Szene, bei der im Hintergrund an und ab ein Gewitter aufzuziehen scheint. Ein brillantes Werk!

Emmanuel Pahud © Sheila Rock
Emmanuel Pahud
© Sheila Rock
Pleyel schrieb sein Konzert in C-Dur für Klarinette, Flöte oder Cello, laut dem Solisten, Emmanuel Pahud, ist es als Flötenkonzert eines der umfangreichsten der Gattung. Scheinbar überließ Pahud anfänglich die Leitung dem Konzertmeister, bald aber konnte man anhand diskreter Bewegungen mit Händen, Armen und Körper erkennen, dass er in der Führung eine zumindest gleichwertige Rolle innehatte. Der intensive Blickkontakt mit dem Ensemble machte klar, dass die Interpretation das Resultat einer engen Absprache und Kooperation war. Pahud fühlte sich offensichtlich wohl beim kollegialen Musizieren mit dem ZKO, das sich von der Arbeit in seinem Hauptberuf als Soloflötist der Berliner Philharmoniker doch grundlegend unterscheidet.

Manche mögen Emmanuel Pahud als „Flötengott" bezeichnen. Mir scheint dies hier nur bedingt angebracht. Es impliziert für mich eine Art körperloses, perfektes Spiel ohne Blas- und andere Nebengeräusche, Töne ohne erdgebundene Attribute. Vor einigen Jahrzehnten mag das als Ideal gegolten haben. Inzwischen haben wir über Elektronik und Aufnahmetechnik Perfektion im Überfluss. Zugleich hat uns das Musizieren auf Originalinstrumenten den Reiz des Menschlich-Unvollkommenen wieder ohrenfällig und schmackhaft gemacht. So ist denn auch Emmanuel Pahuds Flötenspiel weit entfernt von körperloser, neutraler Perfektion. Vom subtilsten Pianissimo bis zum pfeifenden Fortissimo, von warmer Tiefe bis zu scharf klingender Höhe, immer ist sein Ton ausgesprochen tragend, substanz- und charaktervoll, die Intonation perfekt. Dabei ist die Ansprache deutlich, Artikulation und Tongebung unheimlich differenziert. Pahud scheint mit dem Instrument verwachsen, gestaltet lange Phrasen, Atempausen sind natürlich und vollkommen unauffällig, Virtuosität selbstverständlich.

Als Komposition steht das Flötenkonzert der Sinfonie in Sachen Fantasie um nichts nach. Pleyel hatte zudem offensichtlich ausgezeichnete Kenntnisse über die technischen und virtuosen Möglichkeiten des Instruments. Im lyrischen Adagio gefiel neben der makellosen Intonation des Solisten die ausgezeichnete Zusammenarbeit, das Aufeinander-Eingehen, das Sich-Gegenseitig-Tragen mit dem Orchester. Das abschließende Allegro molto ist galant-tänzerisch im Orchester, hat aber auch Episoden heftiger Ausbrüche. Der Solopart ist äußerst virtuos, mit sehr langen Phrasen.

Nach der Pause entführte uns Mozart in eine ganz andere Welt: das Andante für Flöte und Orchester C-Dur in seiner Heiterkeit gestaltete Pahud zu einer Oase der Ruhe und Beschaulichkeit. Mozart packt nicht annähernd so viel Fantasie und Vielfalt in den einen Satz wie Pleyel, zeigt sich dafür als Meister vollendeter, eingängiger Melodik.

In der Symphonie in C-Dur, KV200 richtete sich der Blick dann wieder auf das Orchester, und die Frage drängt sich auf, wieviel von Sir Roger Norringtons Direktionszeit denn noch vorhanden ist. Mein Fazit: das Ensemble hat sich die Leichtigkeit und Prägnanz weitgehend erhalten, auch die Artikulation bleibt ausgezeichnet. Andererseits ist die Musik nicht mehr ganz so provokant, in den raschen Sätzen nicht mehr so getrieben wie unter Norrington. Das Musizieren ist entspannter, Kollegialität und Zusammenarbeit rückt in den Vordergrund.

Das Zeitmaß im Andante war natürlich, nicht gedrängt, aber dennoch blieb das Musizieren wach, alert. Dazu trugen auch die Forte-Stöße in den Bläsern bei, die Mozart mit zwinkerndem Auge eingefügt hat. Nach dem aufgeräumt-spielerischen Menuetto mit dem sehr leicht artikulierten, humorigen Trio schließt die Sinfonie in einem virtuos-spritzigen Presto. Hier kann ich nicht umhin, die ausgezeichnete Koordination und Disziplin der zweiten Violinen zu erwähnen: die quirligen, oftmals monotonen Begleitfiguren dieser Stimme – hier so leicht und präzise wie ein einziges Instrument gespielt – sind oftmals schwieriger als der Part der ersten Violinen, die diesmal nicht ganz so homogen klangen.